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Nicht nachlassen in seinem Begehren ist auch eine Extremsportart.

 

 

Ilsabe Witte, 27. Februar 2012
  

Zur Oper „Der Freischütz“ (siehe Programm der Komischen Oper) und zur ersten Besprechung dieser Oper im Wunderblog auf der Homepage der FLG von Achim Perner (siehe hier)

Achim Perner hat den Finger in die Wunde gelegt, wenn er die Schlüsselszene der Oper „Der Freischütz“ von Carl Maria von Weber (uraufgeführt 1821!) in der Inszenierung von Calixto Bieito analysiert, eine erste wichtige Deutung als Appetizer und die herzlich fachliche Empfehlung für einen Opernbesuch anbietet, uns somit ermutigt und psychoanalytisches Weiterdenken erneut anstößt.

„Anstoßen“, „anstößig“…

Die Psychoanalyse sollte skandalös sein und gerade deshalb (be)fruchten, indem sie andere, neue Ideen gebiert, die die bestehenden fixierten Strukturen des Phantasmas heilsam durchkreuzen.

Max, der Schütze, hat sich nach seinem Fehlschuss zutiefst gekränkt in die Wolfsschlucht geflüchtet. In der dortigen Finsterkeit der eigenen Seele erscheint ihm imaginär der Anstifter „Killian“ als eine böse Abspaltung seines Selbst, als böse Stimme, die in Samiels (Teufels) Namen zur Vergeltung, Vernichtung und Nichtung aufruft.

Killian hat ein Brautpaar in die Schlucht verschleppt. Er bringt die Braut um und vergeht sich danach an ihr. Der Bräutigam ist gefesselt (kastriert) und winselt in seiner Todesangst, bevor auch er umgebracht wird. Das „heilige“ Brautpaar wird hier auf drastischer Weise ent-idealisiert.

Das Subjekt muss in seiner Entwicklung die idealisierten inneren Objekte beseitigen und quasi „umbringen“; es muss die mächtigen Objekte verlieren, sich derer entledigen und sich befreien, um in dem Geschlechterverhältnis anzukommen. Auch der moderne Adoleszent verliert in seinem Liebeskummer -wie eh und je- eben nicht nur die heiß und innig Geliebte, sondern auch seine früheren Objekte; er hatte es sich eigentlich alles ganz anders vorgestellt.

Bieito sagt im Interview im Programmheft der Oper:

„Ein wichtiger Punkt ist es, Dinge akzeptieren zu können. Reifer zu werden, heißt, die Dinge zu akzeptieren, wie sie auf einen zukommen. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, wenn das, was dem Menschen widerfährt, außerhalb der Grenzen seines Akzeptanzbereichs liegt, ist man verloren. Man beginnt zu trinken, wird tablettenabhängig, gewalttätig, neurotisch oder paranoid. So ist die Wolfsschlucht eine Probe für Max“.

Der Heranwachsende muss etwas bis dahin Unerhörtes akzeptieren lernen, was in der Kur in der gemeinsamen Herausforderung einer Dechiffrierung der neurotischen Symptomatik letztendlich wirksam geprüft wird. Der Adoleszent muss natürlich auch außerhalb der Kur, im ganz normalen Leben, eben wohl oder übel lernen, dass das Brautpaar, das Elternpaar und die Vater-Mutter-Kind-Beziehungen ursprünglich auf ödipalen Idealisierungen, deren Spiegelungen und Identifizierungen beruhen. Durch die Entlegenheit der Zeit, also durch die für die menschliche Entwicklung spezifische späte sexuelle Reifung, müssen die unbewussten, anstößigen und verdrängten sexuellen Bedeutungen - nach einer Latenzzeit bis zur Pubertät durch Tradition, Zwang und Neurose hindurch -  in einen veränderten Zusammenhang gebracht werden, mit der Frage nach der eigenen Entstehung und der nun eigenen Sexualität und dem einhergehenden subjektiven Ende der kindlichen Unschuld. In diesem emotionalen Komplex kann es gedacht werden, dass der Vater das Böse mit Gewalt in den Bauch der Mutter (an)gestoßen hat (Urszene) und dass folglich nur Böses daraus gebor(g)en werden kann. So entstehen im Kernstück dieser Oper, an diesem Ort, im Bauch der Mutter/Frau durch eine Verschmelzung und also durch das Schmelzen und das  „Bleigießen“ die sieben Freikugeln, womit die ersehnte seelische Ruhe (Befriedigung) mittels Beseitigung der Objekte zwar wieder hergestellt werden kann, aber gleichzeitig dafür ein maximales Opfer in der Form einer totalen Zerstörung der Signifikantenwelt gebracht werden muss. Das Ziel für die letzte Kugel scheint vom Schicksal, im Wahn der Verliebtheit, durch das mächtige Aufbrechen des subjektiven Begehrens, eher fremdbestimmt.

Das Bühnenbild zeigt uns schwankende und stürzende Baumstämme; die Schlucht fällt als Raum der alternativen Möglichkeiten (als Übergangsphänomen und Proberaum) in sich zusammen. In diesem Chaos nun erscheint der große Andere (der Klausner, der Eremit, vgl. Moses, Christus), der den anderen, dem Volk, per Gesetz verkündet (le nom et non du pere), dass die Geliebte mit dem blutverschmierten weißen Brautkleid (befleckt, defloriert) die wütende Rachsucht des Max auf wunderbarer Weise überlebt hat. Sie hatte sich nur auf neurotische Weise und nur für diesen Entwicklungs-Moment auf diese Weise hysterisch hingabevoll geschlagen gegeben. Der doch eigentlich gute Mann „Max“ sollte ein Probejahr bekommen, bevor er heiraten darf. Er (und natürlich auch sie) bekommt einen zeitlichen Aufschub durch diese auferlegte und inzwischen tradierte Verlobungszeit, die ihm möglicherweise eine Gelegenheit zur neuerlichen Prüfung des Erinnerten und letztendlich zur Sublimierung bieten können sollte.

Martin Jan Donker, 7.  Februar 2012

 

Über die Rede von Marcel Reich-Ranicki vor dem Bundestag

(im Reichstag) am 27. Januar 2012, d.h. auch vor den Bundestagsabgeordneten aller Parteien, dem höchsten Organ unserer Republik, anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau vor 67 Jahren am 27. Januar 1945

Reich-Ranicki spricht vom Beginn der systematischen Ermordung der europäischen Juden, von dem Tag im Ghetto in Warschau, an dem die Züge mit Menschen zur Vernichtung nach Treblinka gefahren wurden , wie es in der Wannsee-Konferenz diktiert worden war. Das ist ein Rückblick. Am 22. Juli 1942 verkündete die SS vor dem Judenrat im Ghetto den Beginn der "Umsiedlung", wie sie die Deportation nannten, mit der tags darauf begonnen wurde. Und das ist ein anderer Bericht: Marcel Reich-Ranicki spricht als Zeuge und vom Zeugnis. Der heute 91-Jährige war angestellt, das Protokoll für den Judenrat zu schreiben, in dem Deutsch der SS, das der Sturmführer Hermann Höfle als Deportationsbefehl diktierte.

Der Protokollant als Autor hat vorgelesen, dass der SS-Mann den Text aus der Kommandozentrale "mühselig und schwerfällig" verlas  im Kontrast zu seiner sonstigen Rede, die "schnodderig und sadistisch" war. Der Text hieß "Eröffnungen und Auflagen für den Judenrat" und handelte von "Umsiedlung" in den Osten. Sie sollte am nächsten Tag beginnen und benannte auch die Zahlen und Personengruppen. Der Autor und Redner kommentiert:  „Die Stille im Raum war unheimlich und wurde noch intensiver durch die fortwährenden Geräusche: das Klappern meiner alten Schreibmaschine, das Klicken der Kameras einiger SS-Führer..."  Reich-Ranicki hob seinen Kopf in eine andere Stille und einen anderen Raum, in dem moderne Fotoapparate klickerten und zwar ohne Unterlass. In seiner 30-minütigen Rede gab es kein Einhalten, keine Pause der Fotografen für das Sprechen. Es wirkte sadistisch.

Die Fotografen konnten die Duplizität der Situationen, in der sie und die in der die SS-Fotografen wirkten, nicht wahrnehmen, weil sie im eigenen Lärm nicht hören konnten. Falls sie seine Geste gesehen hatten, bezogen sie sie nicht auf sich. Wenn einige vielleicht das Kopfheben vom Manuskript auf ihr Fotografieren (klick klick) bezogen hatten, blieben sie doch unberührt. Sie waren nicht ansprechbar und wurden von niemandem angesprochen, auch nicht vom gastgebenden Bundestagspräsidenten Lammert. Rätselhaft ist mir, was es da noch zu fotografieren gab, seit Reich-Ranicki zu reden begonnen hatte und nichts anderes zu sehen war als der Sprechende. Er las sogar einen bekannten Text aus seinem Buch "Mein Leben". Bis auf den Anfangssatz: "Ich soll hier eine Rede halten", war alles Zitat. Das extrem Ungewöhnliche war seine Stimme in diesem Raum zu dieser Zeit. Und, wie Robert Birnbaum im Tagesspiegel schrieb, auch unerwartet für alle, die seine „scharfzüngigen Kritiken" kannten.

In den Printmedien war auch Empörung zu lesen. Alan Posener „schämt sich seiner Kollegen" in der Berliner Morgenpost.

Man kann mutmaßen, dass die Fotografen im Bundestag nicht hören konnten und wollten, was der alte Mann zu sagen hatte, dass sie also in ihrem Bildermachen, ihrem Imaginären, verschwunden waren. Selten ist in unserer Zeit das Wort so dominant über das Bild gewesen wie in dieser Redelesung.

Hannelore May, 5. Februar 2012

 

 

Zur Freischütz-Inszenierung von Calixto Bieito in der Komischen Oper

Die Bieito-Inszenierung des Freischütz, die am 29. Januar ihre Premiere hatte,  ist wirklich sehens-, aber nicht ganz so hörenswert, weil die Komische Oper sich Sänger der ersten Güte nur selten leisten kann; die Leistungen des Orchesters haben aber überzeugt; es lässt das Abgründige, dass diese Inszenierung als allgegenwärtig in den Vordergrund stellt, schon in der Ouvertüre hören und halt es bis zum Schlussakkord konsequent durch, auch in und gerade in den volksliedhaften Evergreens.

Bieito wagt eine überzeugende Deutung: Er beginnt mit einer Jagdszene, in der ein wirkliches Schwein durch eine Frau ersetzt wird, die dann als Schwein erlegt, ausgenommen und gehäutet, deren Blut in Eimern aufgefangen und rituell getrunken wird, wie in einer entsublimierten orgiastischen Gralsszene. Die regressive Verwandlung (oder Wandlung?) des tierischen in ein menschliches Jagdopfer  lässt natürlich an die entsprechenden Verwandlungen im Herrn der Fliegen denken, aus dem das Programmheft eine Opferszene zitiert. Es werden dann später auch keine Kugeln gegossen (was angesichts der modernen Jagd-/Kriegswaffen dieser Inszenierung ganz sinnlos wäre), sondern 7 Patronen aus dem Bauch einer  ermordeten Frau (im Hochzeitsgewand) gezogen, wie ungeborene Kinder, die das präödipale Kind Melanie Klein zufolge in den Bauch seiner Mutter projiziert, der darum zum Ziel seiner aggressivsten Phantasien und Attacken wird. Die vorletzte Kugel Maxens trifft Kaspar, der ihn angestiftet hat, und die letzte dann folgerichtig Agathe, aber nicht, wie bei Weber, als Fehlschuss, sondern gezielt. Bieito läßt Samiel also nicht die Kugel vom anvisierten auf das ihm von Kaspar vorgeschlagene Ziel umlenken, er führt die Hände von Max, der nackt, schwarz und wie von einem Dämon besessen zum Amokläufer wird. Bieito verschiebt die gesamte Handlung konsequent vom Reifen ins Archaische, vom Postödipalen ins Präödipale. Was wir geliefert bekommen ist, von höchster Aktualität: eine Psychologie des Amokläufers, den wir nicht verstehen können, so jedenfalls Bieito, wenn wir ihn in den Kategorien einer Psychologie der gereiften Persönlichkeit mit ödipalen Zügen verstehen wollen.

Die Bühne und der Chor sind beeindruckend, so dass es wirklich lohnt, sich diese Inszenierung anzusehen.

Achim Perner, 1. Februar 2012
 

Freud, endlich ins Deutsche übersetzt!

Wenn man in dem online verfügbaren „International Dictionary of Psychoanalysis“ unter James Strachey (1887-1967) nachschlägt (http://www.enotes.com/james-beaumont-strachey-reference/james-beaumont-strachey), erfährt man, dass der Herausgeber der so genannten Standard Edition der Werke Freuds in Cambridge Altphilologie studiert hat. Durch einen 1912 von Freud in London auf Englisch gehaltenen Vortrag über das Unbewusste in der Psychoanalyse wurde Strachey erstmals auf die junge Wissenschaft aufmerksam. 1919 wandte er sich mit dem Begehren, Psychoanalytiker zu werden, an Ernest Jones, der dem schreibbegabten jungen Mann zu einer Analyse bei Freud riet. Strachey heiratete Alix Sargant-Florence und übersiedelte 1920 mit seiner Frau nach Wien, wo die beiden bis 1922 blieben und neben ihren Analysen mit der monumentalen Aufgabe einer Übersetzung von Freuds Werken ins Englische begannen.

„To Strachey we owe“, schreibt Riccardo Steiner, der Autor des Internetartikels, „the terms ‚cathexis’ to translate the German ‚Besetzung’ and ‚anaclitic’ to translate ‚Anlehnung.’ Both terms were derived from ancient Greek.“

Nachdem wir von Stracheys Studieninteressen erfahren haben, erscheint die Einführung dieser etwas unglücklichen, dem Altgriechischen entlehnten Begriffe für recht alltägliche deutsche Worte weniger verwunderlich.

Wirklich verblüffend aber ist folgende Feststellung:

„Indicating the importance of his translations and editorial apparatus is the fact that the Standard Edition has become the text used by the International Psychoanalytical Association and that it is also the point of reference for other translations of Freud's works into such major languages as German, Italian, Spanish, Portuguese, and French.“

Die wahre Bedeutung der Stracheyschen Übersetzungen lässt sich daran ermessen, dass sie von der IPV benutzt werden und dass sie auch anderen Übersetzungen in so wichtige Sprachen wie Deutsch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch und Französisch als Referenzpunkt dient.

Honi soit qui mal y pense!

rac, 29. Januar 2012
 

Das Gravitationsgesetz der UnterschenkelmehrfragmentfrakturDas Gravitationsgesetz der Unterschenkelmehrfragmentfraktur

Versuch der Verarbeitung einer Verletzung in Versen – von Jasmin Keller

Von einem Zusammenhang will ich dichten,
den man meines Wissens noch nirgends erkannt.
Im Lexikon nicht und in keinen Forschungsberichten,
wird dieses Naturgesetz genannt.

Auch ich habe es nur durch Unfall gefunden,
durch Unfall, nicht Zufall, ich verschreibe mich nicht.
Die Erkenntnis, ich sage es unumwunden,
hatte ihren Preis: ein Bein, das bricht.

„Per aspera ad astra,“ hat der Lateiner gesagt,
ein zeitloses Bonmot, es gilt auch für mich.
Die Fraktur wird daher nicht beklagt,
„Nur der Gefallene sieht!“ sage ich.

Jenes Naturgesetz, das ich meine,
vereint Physik und Biologie.
Es bezieht sich auf die Beine,
doch ohne Bruch, da gilt es nie.

Die medizinische Diagnose lernte ich,
übrigens spät und beiläufig nur:
Im Unterschenkel befindet sich,
eine Mehrfragmentfraktur.

Intern versorgt mit Platten und Schrauben,
Korrekt: durch Osteosynthese,
will man mir längerfristig nicht erlauben,
aufzutreten, trotz Orthese.

Nun ist die Ausgangslage bekannt,
doch sie ist, ich sagte es schon,
für das Gesetz, das ich erkannt,
nur notwendig als Kondition.

Ich merke nun, nach ein paar Wochen,
dass sich die Welt, die mich umgibt,
seit der Sprengung meiner Knochen,
deutlich verschiebt.

Was mein wacher Blick an anderen Tagen,
interessiert zur Kenntnis nahm,
wirkt nun, ich muss es drastisch sagen:
ziemlich lahm.

Wo ich einst mit guter Laune,
losgestürmt, voll Energie.
da fühl ich heute, und ich staune,
nur Lethargie.

Wenn ich beim Schicksal mancher Leute,
früher mitgelitten hab,
so geht die Empathie mir heute,
gänzlich ab.

Diese Symptome sind längst bekannt,
und hinlänglich studiert.
Bereits ein Freud hatte benannt,
was hier passiert.

Kranke hat er als Egoisten beschrieben,
die um sich selber kreisen.
Die alles, was sie gesund schätzen und lieben,
von sich weisen.

Doch unser großer Erforscher der Triebe,
ist Philosoph geblieben,
in seiner Lehre von der Liebe,
die er geschrieben.

Es fehlen in der Freudschen Lehre,
die Gesetze der Natur,
sie bleibt, und das bei aller Ehre,
Hypothese nur.

Versteht mich nicht falsch: ich achte ihn sehr,
ich weiß, er lag absolut richtig.
Doch ein Beweis, und sei er schwer,
ist dennoch wichtig.

Ich endlich wurde ausgewählt,
diesen Beweis zu führen.
Der Trümmerbruch hat mich gequält,
um dies Gesetz zu spüren.

Das kranke Bein ist nämlich schwer,
ich spür es, keine Frage.
Seit dem Bruch wiegt es viel mehr,
auch ohne Waage.

Hier liegt der Schlüssel, hier allein,
nämlich im Gewicht!
Schwerer wiegt ein jedes Bein,
sobald es bricht!

Mein physikalisch geschulter Geist,
durchblickte die Situation.
Die Lösung war da, und sie heißt:
Gravitation.

Das Gesetz der Schwerkraft, es hat hier,
unbedingt Validität.
Beinahe magnetisch wirkt sie mir,
die Extremität.

Alles zieht sie an sich ran,
alles kreist nur um sie. 
Denken und Handeln steht im Bann,
und löst sich nie.

Sogar die Äquivalenz gilt hier,
von Energie und Masse.
So deutlich zeigt sie sich bei mir,
dass ich’s kaum fasse.

Das Bein ist mir unendlich schwer,
und Kraft ist kaum vorhanden.
Doch diesen Zusammenhang, es freut mich sehr,
hab ich verstanden.

Ein Durchbruch der Wissenschaft fürwahr!
Aber wer nun missgünstig denkt:
Dieser Triumph wurde mir, das ist ganz klar,
beileibe nicht geschenkt!

Dennoch werde ich niemanden neiden,
der heil blieb und unversehrt.
Die Erkenntnis, fordert sie auch Leiden,
sie ist es wert!

Jasmin Keller, 07. Juni 2011

Der Signifikant als Denunziant

In der Ausstellung „Zwangsarbeit“, die im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen war, sowie im Begleitband desselben Titels wird von folgendem Ereignis berichtet:

Am 7. August 1935 wurde SS Scharführer Kurt Grün bei der Geheimen Staatspolizei Gelsenkirchen vorstellig, um das freundschaftliche Verhältnis zwischen Elisabeth Makowiak und dem „Ostjuden“ Juda Rosenberg zu denunzieren. Ihm sei „seit längerer Zeit bekannt“, gab Grün zu Protokoll, dass die beiden „im intimen Verkehr“ stünden, denn er habe „beide sehr oft beobachtet, als sie zusammen gingen und sich in freundschaftlichem Tone unterhielten“. 

Schließlich kam es zum Akt:

„In der Nacht zum Mittwoch“, erklärte Grün, „sah ich die Makowiak allein die Vereinsstraße in der Richtung zum Elisabethplatz gehen. Ich verfolgte die M. mit mehreren Parteigenossen, weil wir ein Zusammentreffen der M. mit dem Juden vermuteten. Tatsächlich traf die M. den Juden Rosenberg und ging mit diesem den Kussweg entlang. Ob es zwischen beiden zu einem geschlechtlichen Verkehr in dem dunklen Kussweg kam, haben wir nicht feststellen können, immerhin hatten beide ein zärtliches Benehmen und eine auffallend freundschaftliche Unterhaltung.“

Alles scheint hier um die Frage zu kreisen: Wem gebührt der Platz an Elisabeths Seite? Nach der Vereinigung „der M.“ mit dem anderen auf dem Kusswege schlug die Schaulust in einen Akt um. Grün denunzierte das Paar, das noch gleichentags öffentlich wegen „Rassenschande“ angeprangert und durch die Gelsenkirchener Innenstadt getrieben wurde. Auf der Tafel, die Elisabeth Makowiak um den Hals trug, stand „Ich blonder Engel schlief mit diesem Judenbengel“. Sie war dem falschen Manne grün.

Juda Rosenberg konnte sich zunächst erfolgreich einer Deportation nach Polen widersetzen, wurde jedoch kurz nach Kriegsbeginn verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg verschleppt, wo er am 18. Mai 1940 starb.

Man kann sich fragen, ob es sich um einen Vatermord handelt.

(Zitate aus: Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg, hg. Volkhard Knigge, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Jens-Christian Wagner im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Weimar 2010, S. 28.)

rac, 6. Februar 2011

 

Déjà vu

Üblicherweise sucht sich der Maler ein Modell und portraitiert es, mehr oder weniger „nach der Natur“.  Der Künstler Kamagurka kehrt diesen Prozess um. Er malt ein Gesicht, das er (noch) nicht (??) gesehen hat und sucht dann das lebende Gegenstück dazu.  Unter dem Titel „Accidentalisme“ (Zufall/Unfall) stellte er in Berlin zwölf gemalte Portraits von Menschen aus, die bisher nur in seiner Vorstellung existieren. Mit Hilfe von Internet, Zeitungen und Mailkontakten sucht er reale Personen, die seinen gemalten Portraits ähnlich sehen. Was funktioniert!
Wer sich angesprochen fühlt, jemanden kennt oder sich selber als ähnlich bezeichnet, schickt eine digitale oder analog vorliegende Fotografie des real existierenden Pendants ein.
Accidentalisme wird nach Berlin in Budapest und London zu sehen sein.
Wer jetzt neugierig ist, ob er schon portraitiert wurde, ohne es zu wissen, besuche:
http://www.berlin.de/ba-tempelhof-schoeneberg/aktuell/kamagurka.html

CMS, 23. Dezember 2010

Noir und outrenoir

Der wohl  wichtigste lebende abstrakte Maler Frankreichs, Pierre Soulages, malt nur schwarze Bilder in großen Formaten.  Auf die Frage „Warum Schwarz?“ (Schwarz, die Unfarbe), soll er geantwortet haben: „Darum.“

Eine törichte Antwort? Sie enttäuscht die fragende Gemeinde. Möglich, daß der Künstler die Antwort weiß und für sich behalten will, möglich auch, daß er keine Antwort hat und trotzdem, nein  darum: agiert. Sein Kurator, Pierre Encrevé, der die aktuelle Ausstellung im Gropiusbau in Berlin betreut hat,  schreibt dazu im Katalog zunächst über das outrenoir:

„…für Soulages besteht die pikturale Wirklichkeit des Schwarz ausschließlich in seiner Fähigkeit, Licht zu erzeugen. „… Schwarz und Licht müssen überall auf der Leinwand verankert und als ebenso untrennbar wie ununterscheidbar hervorgehoben werden – die Absenz in der Präsenz und die Präsenz in der Absenz (das Freud’sche Fort-Da-Spiel) – kurz: Das outrenoir ist geboren.“ 

Er geht weiter mit der Überlegung, daß die Antwort nicht beim antwortenden Subjekt zu suchen ist, sondern beim Subjekt des Unbewussten, sei es das „eigentliche Ich“ (moi profond) von Proust, oder das „wahre Subjekt“ (sujet vrai) Lacans. Unnütz, sich auf den symbolischen Wert von Schwarz zu beziehen, denn der variiert nicht nur von Kultur zu Kultur, sondern ist auch für jedes Subjekt bei einer identischen Erfahrung in einem identischen Kontext jeweils anders, ähnlich den Beziehungen, die ein einzelner Betrachter zum Licht des outrenoir aufbaut. „Insofern gibt es weder für den Maler noch für den Betrachter eine allgemeingültige Interpretation, die mehr wäre als eine hilflose Chiffre für das Schweigen.“

Eine universelle Erfahrung von Schwarz /Dunkel und Licht stammt aus ersten Lebenswochen des Menschen. Die Nacht ist schwarz und der Tag ist Licht. Eine archaische Erfahrung, „auf der wir alle unser jeweiliges Verhältnis zu Schwarz und Licht auf (bauen) und bestimmte Dinge damit (assoziieren), gegebenenfalls wichtige Signifikanten, deren Sinn uns später verlorengeht. Die Malerei von Soulages, die sowohl der Sonne als auch dem Schwarz  unmittelbar ins Auge blickt, setzt sich dem Fehlen, dem Verlust aus – einem Verlust, der aus der Nacht heraus den Tag heraufbeschwört. Sie verlangt für sich keine Entzifferung, keine Deutung, keine Sinnhaftigkeit. Vielmehr schickt der Maler sie aus dem „Dunkelsten seiner selbst“ an das „eigentliche Ich“ (moi  profond) des Betrachters. Aus einem Subjekt (dem Unbewussten) hervorgehend, wendet sich diese Malerei an das Subjekt (das Unbewusste) des Schauenden. Indem diese Malerei die ganze optische und semantische Vielschichtigkeit von Schwarz und Licht in sich vereint, fordert sie den Betrachter auf, sich selbst sinnhaft zu erleben –und sich als (geteiltes) Subjekt der Begierde zu erkennen.“ (Pierre Encrevé, Warum Schwarz?,  in: Pierre Soulages, München 2010: Hirmer Verlag, S. 18f)

CMS, 12. November 2010

 

Die Hausräumung

Wo wohne ich? Zu Hause. In der Immobilienanzeige wird daraus eine "Wohnung" mit "Zimmern" oder "Räumen". Diese Differenzierung verweist auf eine Sprachgrenze zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Was ist in dieser Logik aber die Küche? Raum, Zimmer oder gar ein Drittes? Und wo wohne ich damit nun, in den Räumen oder doch in der Wohnung und damit am Platz oder in einer Straße, d.h. an einem bestimmten Ort?

Kompliziert wird es, wenn man umzieht. Das Umherziehen an sich hat schon keinen guten Leumund, vom Herumtreiber kommt man schnell zum Vagabunden, weshalb man tunlichst die schon vorbereitete Wohnung parat haben sollte. Die alte muß man dann Räumen, oder auch Beräumen und im schlimmsten Fall gar, bei größeren Wendungen des Lebens, "Entrümpeln". Das Entrümpeln ist, wie ich gerade an einem aktuellen Beispiel miterlebt habe, eine Sache von seltsamer Prosaik und auch Komik. Meist haben die lieben Verwandten und Freunde im Vorfeld schon Vieles entweder mitgenommen oder entsorgt. Am Schluß bleibt also nur der Rest vom Rest. Dieser Rest hat eine eigene Logik. Da finden sich z.B. so manch ungeliebte Weihnachtsgeschenke, die trotz des sichtlichen materiellen Wertes keine Wertschätzung erfahren haben. Daneben entdeckt man in verkramten Schubladen Papiere von seltsamer Wirk- und Symbolkraft, etwa ein altes Schulzeugnis aus der 5. Klasse, "dem Unterricht konnte er immer gut folgen, aber die Ordnung könnte noch gebessert werden", oder die Schülerkarte für den Bus mit jahrzehntealtem Bild oder auch, ein besonders schönes Fundstück, ein Freischwimmerzeugnis, dass bis heute dem Probanden (das bin ich) bescheinigt, er dürfe im Schwimmbad den Nichtschwimmerbereich in Richtung "des Tiefen" verlassen.

Während ich mich also in so manche Merkwürdigkeiten versenkte, haben die Profis vom Entrümpelungsdienst die Sache schon mit Schwung begonnen. Im erstaunlich großen Container landet der sogenannte Hausrat, der mit einer gewissen Kühle entsorgt wird. Da findet sich der fast noch schöne, aber doch etwas beschädigte Schrank, so manches Kleidungsstück, zu groß, zu klein, zu alt oder auch zu neu, viel Papier und sehr viel Kleinkram. In diesem Riesenhaufen gibt es immer kleine Einsprengsel, Dinge, die man im Alltag nur selten wegschmeißt, z.B. leicht angestoßene Teller und Tassen, Töpfe und Vasen, ja sogar die nicht mehr verwertbaren Lebensmittel, die die Vorratskammer immer noch ausspuckt, werden schnöde entsorgt. Es ist ein großes Entwerten oder auch Umwerten, denn am Ende erwartet einen die Klarheit der wieder von ihrer Nutzung "gereinigten" Räume. Mit einem bißchen Farbe und Mühe sehen die dann aus wie neu und das Spiel kann von vorne beginnen.

BP, 12. November 2010

 

Der `Fall´ Bloch

Habe neulich Bloch kennengelernt.  Meine TV-Zeitschrift kündigte ihn an als „Psychoanalytiker, der einen schweren Fall löst“.  Der „Fall“ ist ein Geiseltrauma. Während des Films fällt kein einziges Mal das Wort Psychoanalytiker. Stattdessen heißt es Psychotherapeut  oder, aus dem Mund einer Giftigen, „Sie geht zum Therapeuten!“.

Bloch (Dieter Pfaff, der noch dicker ist als Otfried Fischer) empfängt seine Patientin zu Gesprächen im Sitzen. Er redet mit dem Ehemann und den beiden Kindern, er inszeniert zwischen Mutter und Tochter ein Rollenspiel  (ich mach mal, wie du immer tust); weil seine Patientin Ministerin für Kultur und Bildung in Baden-Württemberg ist, kriegt er es auch mit der Journaille zu tun und kanzelt sie frech ab.

Einmal legt er seine Patientin auf die Couch, und da kommt dann das Schlimme zur Sprache. Die Bildeinstellung zeigt mir aber nicht Abstinenz, sondern Persistenz; die Kamera fährt in Großeinstellung auf beide Köpfe, den des sitzenden Analytikers und den der liegenden Analysantin – weil das filmisch schwer zu machen ist, liegt sie auch nicht so richtig, eigentlich sitzt sie auch, aber hat bequem die Beine hochgelegt.

Die Geschichte kreist um Schuld, im Kern um die Prostitution der Patientin gegenüber ihrem Geiselnehmer. Um die falschen Verknüpfungen des Ehemanns, der die Geiselhaft als Auslöser der Ehekrise sieht, und nicht, wie Bloch zeigen wird, die viel frühere Kränkung, daß er seiner Frau ihrer Karriere zuliebe in eine andere Stadt folgen musste und (nur?) durch ihre Beziehungen dort einen Job als Professor bekam.

Im zweiten Erzählstrang geht es um Blochs Sohn, der kurz vor dem Abitur steht, die große Pennäler-Liebe gefunden hat, für die Mutter nicht mehr zuverlässig funktioniert und die fordert, daß er sich auf seinen Schulabschluss konzentriert, was gleichbedeutend ist, (mit dem Liebchen) im Elternhaus wohnen zu bleiben. Darüber läuft ihm die Freundin weg und er trotzt gegen die Eltern. Mutter zu Vater: Glaubst er, er gibt mir die Schuld?  Bloch: Ja, natürlich; uns stehen bunte Zeiten bevor.

Im Internet lerne ich, daß das schon die 18. Folge von Bloch war. Ich werde das verfolgen.

CMS, 30. Oktober 2010