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„Wenn ich meinem Gedächtnis mißtraue - … - so kann ich dessen Funktion ergänzen und versichern, indem ich mir eine schriftliche Aufzeichnung mache. Die Fläche, welche diese Aufzeichnung bewahrt,…, ist dann gleichsam ein materialisiertes Stück des Erinnerungsapparates, den ich sonst unsichtbar in mir trage.“ (Weiter)


Ende März. Die Europäische Psychoanalytische Föderation, der europäische Dachverband der nationalen, von der IPV anerkannten psychoanalytischen Gesellschaften, hatte zu ihrer Jahrestagung zum Thema „Das psychoanalytische Erstinterview und der Behandlungsprozess“ ins frühlingshafte Paris eingeladen. Der Kongress wurde von drei französischen Gesellschaften ausgerichtet: Der ältesten französischen Gesellschaft, Société Psychanalytique de Paris (SPP), aus der Lacan 1953 mit Daniel Lagache, Françoise Dolto und anderen austrat; der von diesen Dissidenten gegründeten Sociéte Française de Psychanalyse (SFP), aus der Lacan 1963 nach Entzug der Lehrerlaubnis mit rund der Hälfte der damaligen Mitglieder austrat; und der vergleichweise jungen Sociéte Psychanalytique de Recherche et de Formation (SPRF). War es eine Wiederkehr des Verdrängten, dass die Veranstalter als Tagungsort ausgerechnet das Marriott Rive Gauche Hotel ausgewählt hatten? Unmittelbar hinter diesem Hotel liegt das Centre Hospitalier Sainte Anne, in dem Lacan bis zum Entzug der Lehrerlaubnis seine Seminare abzuhalten pflegte; unmittelbar davor der Boulevard Saint Jacques.
Auch im großen, auf Englisch gehaltenen Abschlussvortrag von Christopher Bollas tauchten überraschende Signifikanten auf: Da war von einer Kluft zwischen dem Imaginären und Symbolischen die Rede, davon, dass das Imaginäre nicht ins Symbolische zu übersetzen sei, von der Funktion des Analytikers als einem Zeugen des inneren Dialogs zwischen je und moi, von einer etwas rätselhaften jouissance am Intrasubjektiven, und von einer Rückkehr zu Freud, die jede Analytikergeneration neu zu leisten habe. Nur ein Spiel mit Signifikanten, möchte man sagen. Aber was heißt hier „nur“?
rac, 01. Mai 2012
Im Jahr 1992 hat der amerikanische Regisseur Rob Reiner den Film Eine Frage der Ehre nach dem Bühnenstück und Drehbuch des Autors Aaron Sorkin gedreht.
Auf dem Marinestützpunkt Guantanamo Bay 1 der USA wird der Soldat William Santiago getötet. Den beiden mutmaßlichen Tätern, den Soldaten Dawson und Downey, wird der Prozeß gemacht, scheinbar nur eine Formsache, die Täter räumen das Verbrechen ein, ihre Verurteilung scheint so gut wie sicher. Doch bei dem jungen Anwalt Daniel Kaffee (Tom Cruise), der unterstützt wird von der eher ängstlichen Anwältin JoAnne Galloway (Demi Moore) entstehen im zähen Ringen mit dem Chefankläger Jack Ross (Kevin Bacon) Zweifel an dieser offiziellen Version. Zu unklar ist das Motiv der Tat, als das nicht mehr dahinter stecken müsste. Dieses Mehr, so sagte es bereits der Titel, ist eine Frage der Ehre.
William Santiago war kein vorbildlicher Soldat, er konnte dem Druck und Drill des Elitekorps nicht standhalten. Ein solches Versagen kann bei den Marines nicht geduldet werden. Auch wenn ein Soldat für seine Nichteignung offiziell nicht zu belangen ist, so gibt es doch inoffizielle Wege, mit denen sich die Kameraden untereinander maßregeln. Einer dieser Wege ist der Code Red, womit von der Ausübung von seelischer Gewalt bis zur massiven körperlichen Züchtigung Alles gemeint sein kann. Der Soldat Santiago, so muss man vermuten, ist bei der Ausübung des Code Red von seinen Kameraden zu Tode gequält worden.
Die Verteidigung versucht zu beweisen, dass die Anordnung zum Code Red den Angeklagten von ihren Vorgesetzten gegeben worden ist. Dies gelingt, nach scheinbar unmöglichen Schwierigkeiten zuletzt dadurch, dass der Leiter des Stützpunkts, Colonel Jessep (Jack Nicholson) von Kaffee in einem psychologisch aufgeladenem Wortduell zu der Aussage getrieben wird, er habe den Code Red persönlich angeordnet. Noch im Gerichtssaal wird der Colonel verhaftet, was dieser mit völligem Unverständnis quittiert. Er sieht seine Verantwortung darin, die westliche Welt vor der ständigen Bedrohung des Feindes im Angesicht eines Weltkrieges zu schützen. Von dieser Verantwortung, die offenbar alles rechtfertigt, hätten seine Opponenten keinerlei Ahnung.
Die Angeklagten werden vom Vorwurf des Mordes freigesprochen, aber dennoch aus der Armee wegen „unwürdigen Verhaltens“ 2 ausgeschlossen. Während Downey dies nicht versteht, er habe doch nichts Falsches getan, erklärt ihm Dawson, dass das für einen Marine zu wenig sei. Kaffee sagt darauf zu Dawson: "Sie müssen kein Abzeichen tragen, um Ehre zu besitzen". Dawson salutiert vor Kaffee und antwortet: „Achtung - ein Offizier ist zugegen“.
Wohl selten war dieser Film aktueller als angesichts der gegenwärtigen Auseinandersetzungen zum Thema Würde und Ehre in Deutschland. Die Würde besteht in dieser Debatte wechselseitig darin, dass entweder eine Person angesichts einer schwierigen Auseinandersetzung persönlich nicht geschädigt werden dürfe, das ist das Mitleid, das der ehemalige Präsident Wulff zur Zeit erfährt, oder das eine „Würde des Amtes“ auch dann zu wahren sei, wenn der Träger dieses Amtes sich eher unwürdig verhalten habe. Unklar ist dabei, ob der Amtsträger wegen dieser Würde des Amtes nun vor Kritik eher zu schützen ist oder ob er nicht vielmehr umso stärker kritisiert werden soll, weil das Amt erhöhte Anforderungen an seinen Träger stellt.
Im Spielfilm erscheint die Ehre als eine Sache der Vergangenheit. Sie wird hergestellt mit barbarischen Mitteln, dem Code Red, der angesichts der Auflösungserscheinungen einer liberalisierten Gesellschaft als ein heroischer Akt zelebriert wird. Nur wenige haben in der Weltsicht des Colonel Jessep den Mut, sich für diesen Akt auszusprechen. Auf der anderen Seite steht der couragierte Aufklärer Daniel Kaffee, der es wagt, sein ganzes berufliches Renommee auf’s Spiel zu setzen, um in einem Vabanque Spiel um die Wahrheit zu siegen. Sein Verdienst liegt darin, eine allgemeine Ehre zu retten, bzw. zu konstituieren, die sich jenseits der Welt erstarrter Formen und Rituale behauptet. Nicht die Uniform gibt einem Mann seine Ehre, sondern letztlich sein Verhalten.
So schlicht diese Botschaft anmutet, so absurd erscheint in ihrem Licht das Verhalten des ehemaligen Präsidenten Wulff und in Teilen der Koalition, die ihn zuvor gestützt hatte. In einer Art maskenhaften Starre ertrug der Amtsträger zunächst die Vorwürfe gegen seine Person, die seine politischen Freunde in der Debatte mit immer abstruser klingenden Argumenten zurück zu weisen versuchten.
Noch entrückter und weltfremder war das Ritual des Zapfenstreichs nach dem Rücktritt am 08.03.2012, mit dem eigentlich der würdevolle Abschluss und Übergang der Amtszeit des Präsidenten Wulff zu der seines Nachfolgers begangen werden sollte. Nicht eingeladen wurde der designierte Präsident Gauck, das war schon seltsam stillos, auch wenn dieser mutmaßlich gar nicht erschienen wäre. Eine Vielzahl der eingeladenen Gäste, darunter die Führung der Bundestagsfraktionen, haben ihre Teilnahme bereits zuvor abgesagt, auch dies ist angesichts der Bedeutung des Präsidentenamtes eigentlich nicht akzeptabel. Am erschreckendsten war das Bild des ehemaligen Präsidenten selbst. Im tosenden Lärm der Demonstranten, die mit ihren Vuvuzelas und mit den Rufen „Schande, Schande“ den Akt skandierten, folgte er scheinbar regungslos der Musikauswahl, mit den von ihm selbst gewählten Stücken wie dem sentimentalen Somewhere over the Rainbow 3, Da berühren sich Himmel und Erde von Christoph Lehmann oder Die Ode an die Freude von Beethoven.
In den politischen Kommentaren mehren sich die Stimmen, die anmahnen, das unterhaltsame und zum Teil auch hochnotpeinliche Spektakel um Wulff hätte politisch eine ganz andere Funktion. Hier solle die Bevölkerung von den „wahren“ Problemen abgelenkt werden, die da wären: Finanzkrise, gesellschaftliche Umverteilung und Ungleichheit und von mir aus die Klimakatastrophe. Solche Stimmen verkennen, dass das allgemeine Interesse an der Ehre eines Mannes und die erhitzten Debatten darum, die man allerorten zu hören bekommt, einen Nerv getroffen haben müssen. Warum geht es aber „tatsächlich“? Ich habe hierzu ein Indiz gefunden, einen kleinen Gedankenschnipsel.
Im Spielfilm entsteht die Debatte um die Ehre in einer weltpolitischen Konstellation, die eine Umwälzung erwarten ließ. Er wurde 1992 herausgebracht, das ist ein Jahr nach dem Abtritt von Gorbatschow, der 1985 Generalsekretär des Zentralkomitees der UdSSR geworden war. Mit seiner Amtszeit war der Kalte Krieg als die feste politische Größe der Nachkriegszeit und damit als der Bezugsrahmen der militärischen Ehre von Colonel Jessep Vergangenheit.
Der Abschied von der Vergangenheit erfordert ein Umdenken, dem die „verknöcherten“ Alten nicht gewachsen sind. Ihr Ehrbegriff entlarvt sich als absurd, wenn nicht sogar als barbarisch. Die „stillschweigenden Regeln“, die in jeder Gesellschaft gelten und die das Spiel der Macht mehr oder weniger determinieren, werden in solchen Momenten des Übergangs außer Kraft gesetzt. In einer solchen Ausnahmesituation werden Menschen plötzlich stark emotionalisiert. Was gestern noch normal oder zumindest üblich war, gilt plötzlich als abscheulich und verdammenswert.
Welche, so kann man fragen, ist die Wende der Geschichte, die sich in der gegenwärtigen Debatte abzeichnet? Ist es die Neuheit der Gesellschaft der Information, deren allgegenwärtiger Austausch in Foren wie Facebook oder YouTube neue Spielregeln für die Privatsphäre und die persönlichen Freiheit konstituieren, denen die im „alten Denken“ verhafteten traditionellen Politiker nicht stand halten können? Ist es der Druck der Globalisierung, der aus uns in ständiger weltweiter Konkurrenz stehende kleine „Arbeitstiere“ macht, die 24 Stunden am Tag an das eigene Vorankommen denken müssen? Oder ist es etwas ganz anderes?
Es ist eine Herausforderung, diesen möglichen Übergang als nicht abgeschlossenen zu denken, weil er uns noch manche Rätsel aufgeben wird. Aus psychoanalytischer Sicht ist die jederzeit mögliche Emotionalisierung der Debatte das stärkste Indiz, dass es um mehr geht als um bloße Ablenkung oder Unterhaltung, wenn von der Ehre oder der Würde die Rede ist.
1 1992, d. h. vor dem Irak- und dem Afghanistankrieg, hatte der Stützpunkt noch nicht den Ruf als ein Ort des Schreckens, an dem mehr oder wenige rechtlose Kriegsgefangene in unwürdigen Umständen eingesperrt werden. Damals galt der Stützpunkt, der auf einem Teil der Insel Cuba angesiedelt ist, als eine Art Bollwerk der westlichen Welt.
2 Dazu Wikipedia: „Unwürdiges Verhalten als US Marine“ ist kein Tatbestand nach dem Uniform Code of Military Justice der USA, sondern eine Fiktion, die dem Tatbestand „Unwürdiges Verhalten als Offizier“ nachgebildet ist.
3 Somewhere over the rainbow, Musik Harold Arlen, Text, E.Y. Harburg. Der Song entstand 1939 für das Musical The Wizard of Oz (Der Zauberer von Oz).
Textauszug: “Somewhere over the rainbow, Blue birds fly, And the dreams that you dreamed of, Dreams really do come true ooh ooooh, Someday I'll wish upon a star …
Cornelius Tauber, 12. März 2012