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D. Pilz stellt das Buch ‚Die Stimme des Anderen – Zur Theorie der Alterität’ von Johanna Bossinade vor:i


D. Pilz:
Es war schwierig, die Alterität in diesem Buch zu finden. Es besteht eine große Fülle mit zahlreichen hochinteressanten Einzelheiten (wie z.B. die Tagung in Ivry 1988), aber es wird alles im Text erwähnt und verarbeitet. Vielleicht wären Fußnoten besser gewesen, um die Schwierigkeiten dem Text zu folgen, zu verringern. Es stellt sich vor allem die Frage, an wem sich dieses Buch adressiert?

J. Bossinade:
Die Kritik, zu kompakt zu schreiben, habe sie schon häufiger gehört. Absicht war, die verschiedenen Stimmen, die sich mit dem Anderen und der Alterität befassen, im Text mitsprechen zu lassen. Der Begriff des ‚Anderen’ taucht bei Vielen auf, so dass man fast von einer Mode sprechen kann. Hier soll dieser Begriff reflektiert werden. Der Andere impliziert immer auch eine Stimme und so auch das Ohr. Hier gehört etwas zusammen, was keine Differenz mehr zulässt: Stimme und Ohr gehören zusammen (gegen J. Butler). Alterität ist die Spur der Stimme: sowohl im Unbewussten (wie dies P. Widmer schon herausgearbeitet hat), aber auch als ‚Spur der Stimme’ ist sie das ‚Anderswo des Bedeutens’ – ein Anderer Schauplatz, der zugleich triebgestützt ist. Dann ist Alterität auch noch die Transfiguration der Öffnung zum Anderen auf der Beziehungsebene (das, was auch mit der Urverdrängung und dem Eintritt in das Symbolische bei Lacan bezeichnet wird). Es ist der Ursprung der psychischen Bildung.

U. Christians:
Es gibt von Anfang an eine zweifache Bedeutung im Begriff ‚Alterität’: Stimme und Bedeutung.

J. Bossinade:
Der Ursprung ist, dass etwas klingt an einem anderen Ort, z.B. die Mutterstimme, oder ein Rhythmus, der aus der Wiederholung heraus Bedeutung schafft. Aber das Alteritäts-Gedächtnis ist mehr als die Stimme der Mutter.

D. Pilz:
Warum genügt hier der Begriff des ‚Anderen’ nicht, warum muss hier von ‚Alterität’ gesprochen werden?

J. Bossinade:
Das kommt im Kapitel über den Witz zur Sprache.

D. Pilz:
Aber warum besteht der Eindruck, dass die Alterität, die ja herausgearbeitet werden sollte, beim Lesen verschwindet?

J. Bossinade:
Die Alterität ist nur punktuell zu haben, wie das in Freuds zitierten Wellington-Witz zum Ausdruck kommt:
 „Ist das die Stelle, wo der Duke of Wellington diese Worte gesprochen hat? – Ja das ist die Stelle, aber die Worte hat er nie gesprochen.“
Auf der ersten Ebene ist dies Un-Sinn, aber eben nicht un-möglich, weil mich etwas erreicht: Dies ist der Ursprung der Logik, des ‚Andersseins’.

Chr. Schrübbers:
Vielleicht ist es auch ein Stilmittel, keine Fußnoten zu verwenden – und damit eben nicht zwischen eigenem und anderem zu trennen.

J. Bossinade:
Es gibt ein Paradox des Stummen. Das Unbewusste kann nicht direkt gehört werden. Trotzdem sagen wir ‚das Unbewusste spricht’ – Lacan sagt ‚es artikuliert sich’. Dies ist ein zentrales Paradox: Es führt nicht zu einer ‚Heimat’, sondern zu einer ‚Durchbrochenheit’ und dies kann nicht in Fußnoten abgehandelt werden.

D. Pilz:
Aber die Phonetik wird in dem Buch auch ‚abgehandelt’ – warum? So taucht auch die Modeproblematik, was in utero gehört wird, auf.

J. Bossinade:
Die Stimme, um die es hier geht, ist nicht hörbar. Von Anfang an ist etwas nicht da; wenn Fremdes erklingt, ist immer auch schon der Verlust da. Anders lässt sich der Umgang mit dem Unbewussten nicht beschreiben. Im Schlusskapitel werden ethische Konsequenzen aufgeführt. Wir können in der Psychoanalyse nichts auf dem ‚Präsentierteller’ vorlegen (wie z.B. eine ‚4-Std.-Sitzungen’ als ethisches non plus ultra).

J. Donker:
Es gibt Parallelen zu meinem Vortrag über Christa Wolf: Woher spricht etwas, woher klingt etwas. Auch in Bezug auf das ‚Chr. Wolf-Bashing’: Wie erzähle ich das, was mich erreicht, weiter?

H. May:
Fiel auf, dass sich während Frau Bossinades Vortrag im FLG-Kongress in der Stimme etwas änderte: Es kam in dieser Stimme, die weniger akademisch als sonst war, anderes zur Sprache.

J. Bossinade:
Hat das Gefühl, etwas auf der Spur zu sein, deshalb ist der Text wohl dicht und komplex; etwas setzt sich aber fort und wir weitere Veröffentlichungen ergeben. Die Psychoanalyse bedarf einer gewissen Modernisierung: Von der ‚Stimmen-Problematik zur Spur’ – das ist ihre These, die sie weiterverfolgen will.

G. Schosseler-Prum:
Zitiert eine Begebenheit in der die Doppeldeutigkeit des Wortes ‚nehmen – annehmen’ eine Rolle spielte: Jemand reagierte in der Konversation wütend, als ihm ‚ich nehme an, dass Sie…’ geantwortet wurde.

B. Schwaiger:
Das Lacansche ‚supposé savoir’ wird mit ‚unterstelltem Wissen’ übersetzt, könnte aber auch mit ‚angenommenen Wissen’ (‚der Analytiker, von dem Wissen angenommen wird’) übersetzt werden. Hier hat man im Deutschen eine Doppeldeutigkeit des Verbs ‚annehmen’, die dem Lacanschen ‚supposé’ vielleicht näher kommt als das ‚unterstellt’.

C. Tauber:
Es gibt vielleicht ein Paradox: Wenn man über die Stimme schreibt, ist keine Eindeutigkeit möglich – sonst würde die ‚Viel-Stimmigkeit’ und deren Komplexität verflachen. Es ist interessant zu bemerken, dass Freud, hauptsächlich dann, wenn er sich mit ethnologischen Themen beschäftigt, seinen eigenen Ausführungen immer ein Einleitungskapitel voranstellt, in dem er die Literatur Revue passieren lässt. Dies ist vielleicht sein Ethos. Vielleicht ist dies vergleichbar?

J. Bossinade:
Die ‚Viel-Stimmigkeit’ birgt aber immer auch die Gefahr des Allgemeinen und damit der Flachheit. Es ging hier um ein qualitatives Moment: die ‚Nicht-Einholbarkeit’ – was auch ein ‚Lieben’ beinhaltet. Die Kritik an Lacan – vor allem an seinen Nachfolgern – ist das ‚Marmorhafte’.

C. Tauber:
Vielleicht hat dieses Moment des ‚Marmorhaften’ mit seinem Pathos im Sprechen den größten Zeitindex.

J. Bossinade:
Vielleicht ist Lacans Verwurzelung im Existentialismus dafür mit Ursache, für dieses etwas ‚aufgeblasene’ Sprechen.

C.-D. Rath:
Das Ideal des Über-Ichs kann eine aufgeblasene Größe jenseits eines Zeitindex’ sein: Ist es aktuell weniger aufgeblasen?
Zur Frage der ‚Urverdrängung’ gibt es zwei Aspekte: Einmal die Urverdrängung und die Frage des Nachdrängens. Dann aber auch die Frage: Was in der Urverdrängung ‚zusammengestoßen’ ist – wie dies die Dimension des Hörbaren und Nicht-Hörbaren durchzieht – eben im Sprechen und Hören. Ist das auch Ihr Thema?

J. Bossinade:
Im ‚grandiosen Gestus’ ist keine wirkliche Größe. Im Moment der Entdeckung, dass etwas anderes da ist – dass wir mit einem Unbewussten ‚be-gabt’ sind – von einem Anderen her – darin besteht eine gewisse Größe, die keine ‚Aufgeblasenheit’ darstellt.
Die Urverdrängung ist eine Hypothese, ein fiktives Moment, das in der Übertragung, im Witz usw. zum Vorschein kommt. Ein Anderes – wie z.B. die ödipale Krise – muss durchlaufen werden; es muss etwas in sich gebrochen werden.

M. Weidner:
Hat Pontalis’ ‚Ins Beginnen verliebt’ gelesen: Vor allem das Abarbeiten an Sartre und Lacan – seinen Meistern – ist faszinierend. Er muss sich von diesen Größen losreißen, um nicht zum reinen Sprachrohr seiner Lehrer zu werden, er muss sich von einer Art der Hypnose losreißen.

J. Bossinade:
Es ist das Ideal und die Hörigkeit einer alles versammelnden Stimme, das, was man Perversität nennen kann: einer Stimme ge-horchen.

U. Christians:
Nicht nur das Über-Ich ist ‚marmorn’, sondern jeglicher Trieb kann nach ‚oben’ drängen und zur Idealität werden, wie in Religion und Offenbarung. Aktuell ist es die perverse Pluralität, die sich nach Einheit sehnt.

J. Bossinade:
Der Bezug zur Religion muss unbedingt weiterhin thematisiert werden, auch die Größenvorstellungen in der Psychoanalyse.
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i Diskussion in der Mitgliederversammlung der Freud – Lacan – Gesellschaft am 8. Januar 2012 über

Johanna Bossinade, Die Stimme des Anderen. Zur Theorie der Alterität

Königshausen & Neumann, Würzburg 2011