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Donnerstag, 6. November 2025
“Meine Mutter hat mir eine Vokabel aus dem Dialekt hinterlassen”
Ein Vortrag zu Elena Ferrantes “Frantumaglia“
Donnerstag, 6. November 2025, 19:30 Uhr
Till Kathmann, Psychoanalytiker
Moderation: Stephanie von Hayek, Schriftstellerin
“Die Frantumaglia ist ein unsicheres Terrain, übersät von einer endlosen Masse fließender oder schwebender Trümmer, die sich dem Ich als seine einzige, wahre Innerlichkeit offenbaren. Frantumaglia ist auch das treffende Wort für etwas, was ich meine als Kind (…) gesehen zu haben, kurz bevor die Sprache mich erreichte.”
Elena Ferrante, Frantumaglia
Elena Ferrante, bekannt durch die neapolitanische Tetralogie, gibt mit Frantumaglia einen Einblick in ihre Schreibwerkstatt. Dieser zentrale Begriff ihrer Poetologie beschreibt ein Leiden, das undefinierbar ist. Elenas Mutter verwendete ihn, wenn sie sich durch „widersprüchliche Eindrücke bedrängt und innerlich zerrissen fühlte.“ Das Wort, das die Mutter an ihre Tochter weitergab, verstand diese jedoch nicht. Sie versuchte deshalb, „sich einen Reim“ darauf zu machen. Dies kann sowohl als Übertragung als auch als Entzifferungsversuch einer rätselhaften Botschaft verstanden werden. Im Vortrag wird der Frage nachgegangen, ob die Frantumaglia mit dem Gesetz der Mutter zusammengedacht werden kann. Das Gesetz der Mutter bezeichnet der französischen Psychoanalytikerin Geneviève Morel zufolge eine mehrdeutige, mitunter rätselhafte Sprache der Mutter, die Gesetzescharakter annehmen kann, während Kinder diesen versuchen auszudeuten – gelegentlich lebenslang. Gleichzeitig verwurzeln sie damit ihr Begehren im Begehren der Mutter. Dies setzt einen Dialog voraus und ist zugleich darauf verwiesen – ebenso wie der Dialog zwischen Psychoanalyse und Literatur, den es hier zu eröffnen gilt.
Elena Ferrante: Frantumaglia – Mein geschriebenes Leben. Suhrkamp 2019, S. 119-210
Donnerstag, 11. September 2025
“Und immer diese Krapula, in der du seit Monaten chronisch steckst”
Gespräch über Henry Parlands Roman Zerbrochen
Donnerstag, 11. September 2025, 19:30 Uhr
Stephanie von Hayek, Schriftstellerin
Bernard Schwaiger, Psychoanalytiker
Moderation: Till Kathmann, Psychoanalytiker
Denn zumindest ich habe immer ein Gefühl von Entweihung, wenn ich mein unterbewusstes Ich auslote und diese seltsamen Tiefseefische heraufhole, die wir üblicherweise Halluzinationen, Träume usw. nennen.
Henry Parland, Zerbrochen
Henry Parlands Romanfragment „Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier)“ von 1932 gilt als ultramoderner Roman der finnlandschwedischen Avantgarde. Mit Hilfe von Säure, Photopapier und roter Glühbirne bringt der Erzähler Henry seine verstorbene Freundin Ami zum Vorschein. Wer aber sieht ihn da an? „Du blickst mich nie von da an, wo ich dich sehe“, sagt Lacan (Se 11, 95). Ist diese Spaltung, die Entfremdung, der Grund für den fröhlichen Rausch und den anschließenden Kater des Erzählers, sein Scheitern in der Liebe? Und was sagt Sigmund Freud über diesen Spalt sowie über das Photographieren, über Positive und Negative? Steckt das Unbewusste womöglich im Veloxpapier?
Parland, Henry: Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier), Friedenauer Presse 2007
Ders.: Ohne mit der Seele zu blinzeln, Ein Roman (Zerbrochen) und 111 Gedichte aus den Zwanzigerjahren in Helsinki und Kaunas, Friedenauer Presse Winterbuch 2025
Donnerstag, 12. Juni 2025
Zwischen Manuskript und Couch: Was ist heute im Erzählen los?
Donnerstag, 12. Juni 2025, 19:30 Uhr
Bärbel Brands (Weissbooks Verlag)
Antke Tammen (Psychiaterin, Psychoanalytikerin)
Moderation: Stephanie von Hayek
Wer trifft noch Leute, die rechtschaffen etwas erzählen können? Wo kommen von Sterbenden heute noch so haltbare Worte, die wie ein Ring von Geschlecht zu Geschlecht wandern?
Walter Benjamin, Erfahrung und Armut
In jüngster Zeit werden beklagt: ein Verlust universaler Themen in literarischen Texten, ein Mangel am Mangel, das Fehlen von Spannung und Zündstoff, der Verlust bestimmter, oftmals jüdischer Erzähl-, Lese-und Deutungstraditionen, Zensuren sowie eine Unfähigkeit des Urteils der Literaturkritik. Woran liegt das? Und stimmt das auch? Spannung und Reibung entstehen durch Nichtgewusstes, Widersprüche und Ambivalenzen, durch das im Traum auftauchende Fremde. Sie werden begrenzt durch Zensoren, Tabus, Eindeutigkeitsimperative oder auch durch die Verleugnung eines Lebens voller Rätsel.
Was ist los in der Gesellschaft und ihren Fiktionen? Zu wenig Weltverbundenheit, nur noch Individualmythos und Autofiktion? Wie erfinden wir uns, oder tun wir es gar nicht mehr? Lässt uns die gegenwärtige Literatur und die Art über sie zu sprechen zu wenig ratlos zurück? Fehlt ihr der „peinigende Rest“? Wird „falsch“ gelesen oder gar „falsch“ gehört?“ Kann die Literatur die Psychoanalyse noch bereichern? Und vor allem: Lässt sich inmitten von alldem ein nouveau souffle finden, ein neuer Spielraum im Sprechen über Verlegen und Lektorieren, Deutungen, Urteilsfindungen und Kritik? Gemeinsam mit Menschen aus der Literatur wollen wir in der neuen Reihe der Freud-Lacan-Gesellschaft diese Fragen diskutieren und immer auch über Lieblingsbücher sprechen.
Stephanie von Hayek