Liebe Kolleg*innen und liebe Interessierte,
in der deutschen Gewaltforschung nimmt das Hamburger Institut für Sozialforschung nicht erst mit der Konzeptualisierung und Durchführung der Wehrmachtsausstellung einen exponierten Platz ein. Die vor allem im Forschungsbereich Makrogewalt angestoßenen Debatten zeigen, wie aufklärerisches Denken heute über Gewalt aussehen kann. Daraus hervorgegangen sind die beiden Reden „Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet“ und „Gewalt und Vertrauen. Grundzüge einer Theorie der Gewalt in der Moderne“ von Jan Philipp Reemtsma1, mit denen wir uns in den nächsten beiden Sitzungen beschäftigen wollen. Die Texte werden den Teilnehmenden nach der Anmeldung zugeschickt.
Ausgangspunkt der ersten Rede sind die spontan anmutenden Gewaltsausbrüche wie die der Pariser Vorstadtrevolten durch den Mob oder das Gesindel (les racailles, wie Sarkozy sie nannte) – im späteren Verlauf werden die Anschläge der RAF oder die Terrorakte des IS hinzugenommen. Nicht im Modus des Erklärens sei diesen Phänomenen beizukommen, sondern im Modus des Beschreibens, was der Fall ist – so Reemtsma. Dabei würde deutlich, wie diese vorzivilisatorischen Tendenzen sich gegen die Zivilisation richten, oder das, was sich als solche behaupte, um damit eine Attraktivität von Gewaltmilieus zu schaffen. Diese kaum zur Kenntnis genommene Attraktivität speise sich nicht aus Verboten, sondern aus der Erlaubnis Du darfst! im Sinne einer Selbstermächtigung und aus Lizenzen, die ansonsten karg gesät seien in der bürgerlichen Gesellschaft. Deswegen können diese Gewaltausbrüche nicht nur als Gratifikationen (die oft in der regressiven Gruppe genossen werden), sondern auch als ein antibürgerlicher und gegen die Gesellschaft bzw. Zivilisation gerichteter Impuls verstanden werden. Letztlich sei dies, so eine zentrale These, der „Hass auf die Symbolisierung der Fähigkeit zur Sublimation“.
Ob das der Fall ist und was das mit Psychoanalyse zu tun hat, wird zu diskutieren sein, wozu herzlich eingeladen wird.
N. B. Wer möchte, kann sich als Ergänzung den sehr empfehlenswerten Podcast anhören: Dieser heißt „Tiefenschärfe“, kommt von der Hamburger Edition und es gibt in der 4. Episode von Teresa Koloma Beck und Thomas Hoebel einen Beitrag „Über Gewalt“.
1Jan Philipp Reemtsma, Gewalt als Lebensform. Zwei Reden. Reclam Verlag, Stuttgart, 2016.