Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz

Programm

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Samstag, 11. Juni 2022

Liebe Teilnehmer und Interessenten,

die Sitzung dieses Seminars findet Samstag, 11. Juni 2022 in der Psychoanalytischen  Bibliothek Berlin (PsyBi, Geisbergstrasse 29) und als Online-Erweiterung via ZOOM statt. 

Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei Seminar-RathCD@t-online.de).  Ich bitte um Mitteilung, ob Sie in der PsyBi oder via ZOOM teilnehmen möchten. Für letzteres  erhalten Sie wenige Tage vorher einen Teilnahmecode.

Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Per Zoom können sich schon ab 17.00h einklinken. 

Wir sind abhängig von Anerkennung –
anerkennen wir unsere Abhängigkeiten?

Claus-Dieter Rath (Berlin)
Einführung

Simonetta Sanna (Berlin/Sassari)
Anerkennung in der Literatur: Franz Kafka oder die Verteidigung der  Eigentümlichkeit.

Zur Lektüre empfohlen:
Simonetta Sanna: Franz Kafka. Roma: Istituto di Studi Germanici, 2013.
– „L’incontro con l’altro. Kafka e Felice”, in Cultura Tedesca 41/luglio–dicembre 2011,  S. 137–151.
– “Franz Kafka, estetica in nuce”, in Materiali di Estetica, N. 4.2, 2017, S. 185–193.

Claus-Dieter Rath (Berlin)
Alles ein Spiel? Diffizile Anerkennungs-Verhältnisse

Menschen anderer Muttersprache stehen oft vor der Frage, ob für reconnaitre, riconoscere, recognize das treffende deutsche Wort nun erkennen oder anerkennen lautet. Und aus der Rückübersetzung beider Begriffe ergibt sich eine Vielfalt von Worten, die den Bedeutungshorizont von Anerkennung verschwimmen lässt.
Wenn psychoanalytische Abhandlungen die Anerkennung und das Anerkennen für die Konstituierung des Subjekts und seines Begehrens hervorheben, bleibt oft ungeklärt, welcher Vorgang, welche Relation oder welcher Zustand jeweils gemeint ist.

Eine „relationale“ Strömung in der Psychoanalyse möchte eine angeblich antisoziale Freudsche Konzeption des Subjekts[1] durch ein intersubjektives Hilfsgerüst erweitern. Das versucht auch die an den Arbeiten von Axel Honneth orientierte Sozialphilosophie. Auf Jacques Lacans Beschäftigung mit dem „Kampf um Anerkennung“ oder der „Anerkennung  des Begehrens durch den Anderen“ wird dort meist nur in Randbemerkungen verwiesen.


1 Als hätte Freud etwa in der Massenpsychologie (1921) seine Position nicht erklärt: „Im Seelenleben des  Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht  und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem  erweiterten aber durchaus berechtigten Sinne.“ (GW 13, S. 73)

Nicht zuletzt hat die Anerkennung im Feld der Psychoanalyse große soziale Relevanz: Wer wird wie als Psychoanalytiker anerkannt?

Mir scheint, dass ein Teil der Komplikationen um die Anerkennung (gegenüber dem Erkennen) darin besteht, dass es sich um einen Wertbegriff handelt.

Anerkennung betrifft die Legitimität eines Subjekts und seiner Identifizierungen, bezogen  auf das Ich-Ideal und das Idealich (symbolisch und imaginär). Also die Ernennung, Nominierung: infolge eines Urteilsvorgangs wird etwas zuerkannt. Mit dieser Zusprechung  einer Qualität/Eigenschaft (Approbation) erfolgt die Erhebung in einen besonderen Stand, Verleihung einer Würde, und daraus sich ergebende Berechtigungen, Autorisierungen.

Anerkennung betrifft aber auch die Legitimität eines Triebwunschs, die Gültigkeit oder Triftigkeit eines Motivs. Freud sah als ein Kernstück der psychoanalytischen Kur die neuerliche Prüfung alter Verdrängungsvorgänge und die Entscheidung darüber, wie mit  den jeweiligen Triebwünschen fortan umzugehen sei (Realisierung, erneute Verdrängung, Sublimierung). 

Im Begriff der Anerkennung sind also verschiedene Dimensionen herauszuarbeiten, denn  die Anerkennung, die man sich von jemandem erwartet oder die man jemandem zollt oder abnötigt, ist nicht dasselbe wie „die Anerkennung des Unbewußten“, die „von seiten des Ichs sich in einer negativen Formel ausdrückt“, etwa in der Äußerung „Daran habe ich nicht  (nie) gedacht“. Beide Dimensionen können sich verknüpfen im Fall der Partialobjekte, die  an der geliebten Person entdeckt werden (Beispiel Mama als die Brust der Mutter und als  die Person Mutter). 

Andreas Wildt sieht in der Anerkennung („Anerkennung der Realität“) in erster Linie den  Gegenbegriff zur Verleugnung („Verleugnung der Realität“) und er definiert sie als etwas stets Widerstrebendes, als Ausdruck einer „Ambitendenz“ im Unterschied zu schlichtem Bejahen oder Bestätigen („man muss anerkennen“). 

Die Spielarten der Anerkennung entfalten sich zwischen dem Subjekt, seinen  Nebenmenschen und dem großen Anderen, also der Instanz des Gesetzes, das die direkte  Triebbefriedigung einschränkt. Die narzisstischen Vollkommenheits- und Allmachtgefühle  widersetzen sich der Anerkennung des Kastriertseins. 

Der Anerkennungsvorgang hängt davon ab, wie das Subjekt den großen Anderen und als  was es sich selbst in Bezug auf diesen definiert. Wer kann mich anerkennen? Wen anerkenne ich als eine Instanz, die mich anerkennen kann. In welcher  Eigenschaft und bezogen auf welches Begehren des Anderen? Was an mir soll anerkannt  werden? „Als was werde ich anerkannt? Als was anerkenne ich mich?“ gehört zu dem „Das  bist du!“ in Lacans Theorie des Spiegelstadiums.

Natürlich sind dabei auch kollektive Phantasmen beteiligt.
Anerkennung suchen wir mit dem (an eine Person gerichteten) Liebesappell wie im Ringen  um Wertschätzung durch unser (unpersönliches) Über-Ich.  

Hypothese: Im Akt des Sprechens vollzieht sich ein permanentes, oft dramatisches Spiel  der Anerkennung – bezogen auf das Gegenüber, einen selbst und die Sprache als  kulturelle Instanz.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Themenheft „Anerkennung“ von RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse Heft 66 (2007;  2). Artikel von
    • Andreas Cremonini: Die Anerkennung des anderen. Ein neues Paradigma der  Psychoanalyse? (S. 7-16)
    • Joel Whitebook: Erste und zweite Natur bei Hegel und in der Psychoanalyse (S. 17-30)
    • Inara Luisa Marin: Anerkennung bei Lacan (S. 31-56)
  • Axel Honneth (2010): Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Frankfurt  a.M.: Suhrkamp
  • Axel Honneth, mit Jacques Rancière: Anerkennung oder Unvernehmen? Eine  Debatte. Suhrkamp: Berlin 2021
  • Axel Honneth und Inara Luisa Marin (Interview 2009): European Journal of  Psychoanalysis (2015). https://www.journal-psychoanalysis.eu/interview-with-axel honneth/
  • Joel Whitebook: Winnicott fehlgedeutet. Axel Honneths Gebrauch der  Psychoanalyse. In: PSYCHE. Februar 2022, 76. Jahrgang, Heft 2, S. 97-138.
  • Andreas Wildt: „Anerkennung in der Psychoanalyse“. In: Deutsche Zeitschrift für  Philosophie, 53. Jg. (2005), 461-478 (Digitale Version wird verkauft unter  https://doi.org/10.1524/dzph.2005.53.3.461).

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses  Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und  Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von  den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden,  zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von  Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von  logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise  im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es). 

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des  Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer  Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von  einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache,  Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen. 

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz  und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich  kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer  Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16.  Jahrhunderts beschrieben hat. 

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet:  Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt  dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument  bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus. 

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und  des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld. Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer  menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und  Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 7. Mai 2022

Liebe Teilnehmer und Interessenten,

die Sitzung dieses Seminars findet Samstag, 7. Mai 2022 nur online via ZOOM statt.

Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei Seminar-RathCD@t-online.de). Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.

Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Sie können sich aber schon ab 17.00h einklinken.

(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Are you experienced?
Unsere Abhängigkeit von der Erfahrung und ihren Wechselfällen, wie Walter Benjamin sie erschließt.
Claus-D. Rath (Berlin)

Diesmal befragen wir Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz vom Begriff der Erfahrung her. Seine Mehrwertigkeit lässt Walter Benjamin in zwei Texten besonders zu Tage treten: „Erfahrung“ (1913, der Titel steht in Anführungszeichen) und Erfahrung und Armut (1933) [vgl. Auszüge hier unten].

Zum einen denunziert Benjamin das autoritäre Erfahrenheits-Gehabe derjenigen, die glauben, nichts mehr erfahren zu können/zu müssen, weil sie schon erfahren „sind“. Sie berufen sich auf einen kitschigen, klischee- und vorurteilsbeladenen Erfahrungsschatz; eine resignative Abwehr gegen das, was die Jugend erfahren kann.

Zum anderen diagnostiziert Benjamin einen zivilisationsbedingten Zerfall von übermittelbarer, erzählbarer Menschheitserfahrung, eine neuartige Erfahrungsarmut.

Zugleich begrüßt er eine ›arme‹, nicht überladene Erfahrung, Erfahrung von Neuem, die sich über die aktuelle Neuigkeit erhebt und Geschichtliches, Gesellschaftliches und Subjektives verbindet – jenseits übernommener Spruchweisheiten und diesseits des Traumas und pein- oder lustvoller Reizschocks.

Diese Sicht erinnert an das von uns geschätzte Moment der Überraschung bzw. des Überraschtseins in einer psychoanalytischen Kur – anlässlich einer eigenen Äußerung, in der etwas Weiterführendes aufscheint, dank dessen ein durcharbeitendes Aneignen in Gang kommen kann.

Wir sind – und wir machen uns – von Erfahrung unterschiedlicher Ordnung abhängig oder unabhängig.

Eine ethische Dimension der Erfahrung unterscheidet sich von der Summe des uns Zugestoßenen oder von empirischem bzw. experimentellem Tatsachenwissen. Für Benjamin entspricht die Lebenserfahrung nicht dem naturwissenschaftlichen Modell von „im Lauf der Zeiten festgestellten Kausalverknüpfungen“, sondern verdankt sich der Wahrnehmung gelebter Ähnlichkeit(en).

Ähnlichkeitsrelationen sind in der Freud’schen Psychoanalyse (seit dem Entwurf einer Psychologie und der Traumdeutung) ein Dreh- und Angelpunkt der Logik des Unbewussten.

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich Fragen nach dem Schicksal alter und neuerer psychischer Bahnungen, nach vorgängiger oder nachträglicher Sexualisierung von Eindrücken und Vorstellungen, nach den Wirkungen der herrschenden Zensur, nach dem Phantasma und nach dem Wiederholungszwang.

Expérience analytique umfasst also auch die Analyse der Erfahrung.

„Unseren Kampf um Verantwortlichkeit kämpfen wir mit einem Maskierten. Die Maske des Erwachsenen heißt »Erfahrung«. Sie ist ausdruckslos, undurchdringlich, die immer gleiche. Alles hat dieser Erwachsene schon erlebt: Jugend, Ideale, Hoffnungen, das Weib. Es war alles Illusion. – Oft sind wir eingeschüchtert oder verbittert. Vielleicht hat er recht. Was sollen wir ihm erwidern? Wir erfuhren noch nichts.

Aber wir wollen versuchen, die Maske zu heben. Was hat dieser Erwachsene erfahren? Was will er uns beweisen? Vor allem eins: auch er ist jung gewesen, auch er hat gewollt, was wir wollten, auch er hat seinen Eltern nicht geglaubt, aber auch ihn hat das Leben gelehrt, daß sie recht hatten. Dazu lächelt er überlegen: so wird es uns auch gehen – im voraus entwertet er die Jahre, die wir leben, macht sie zur Zeit der süßen Jugendeseleien, zum kindlichen Rausch vor der langen Nüchternheit des ernsten Lebens.“ (Benjamin 1913, Gesammelte Schriften II, 1, S. 54)

„Man wußte auch genau, was Erfahrung war: immer hatten die älteren Leute sie an die jüngeren gegeben. In Kürze, mit der Autorität des Alters, in Sprichwörtern; weitschweifig mit seiner Redseligkeit, in Geschichten; manchmal als Erzählung aus fremden Ländern, am Kamin, vor Söhnen und Enkeln. – Wo ist das alles hin? Wer trifft noch auf Leute, die rechtschaffen etwas erzählen können? […]

Nein, soviel ist klar: die Erfahrung ist im Kurse gefallen und das in einer Generation, die 1914-1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat. […] die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung.

[…] Eine ganz neue Armseligkeit ist mit dieser ungeheuren Entfaltung der Technik über die Menschen gekommen. Und von dieser Armseligkeit ist der beklemmende Ideenreichtum, der mit der Wiederbelebung von Astrologie und Yogaweisheit, Christian Science und Chiromantie, Vegetarianismus und Gnosis, Scholastik und Spiritismus unter – oder vielmehr über – die Leute kam, die Kehrseite. Denn nicht echte Wiederbelebung findet hier statt, sondern eine Galvanisierung. […] unsere Erfahrungsarmut ist nur ein Teil der großen Armut, die wieder ein Gesicht – von solcher Schärfe und Genauigkeit wie das der Bettler im Mittelalter – bekommen hat. Denn was ist das ganze Bildungsgut wert, wenn uns nicht eben Erfahrung mit ihm verbindet? […] Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht nur an privaten sondern an Menschheitserfahrungen überhaupt. Und damit eine Art von neuem Barbarentum. / Barbarentum? In der Tat. Wir sagen es, um einen neuen, positiven Begriff des Barbarentums einzuführen. Denn wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken.“

(Benjamin 1933, Gesammelte Schriften II, 1, S. 214f.)

Zur Lektüre empfohlen:

  • Walter Benjamin: „Erfahrung“ (1913). Gesammelte Schriften (Frankfurt a.M.: Suhrkamp) II, 1, S. 54-56.
  • Walter Benjamin: Erfahrung und Armut (1933). Gesammelte Schriften (Frankfurt a.M.: Suhrkamp) II, 1, S. 213-219
    Letzteres auch im Internet: https://www.textlog.de/benjamin-erfahrung-armut.html

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 2. April 2022

Liebe Teilnehmer und Interessenten,
die Sitzung dieses Seminars findet Samstag, 2. April 2022 nur online via ZOOM statt.
Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei Seminar-RathCD@t-online.de). Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.
Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Sie können sich aber schon ab 17.00h einklinken. 

(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Das Thema ›Abhängigkeiten‹ erfordert vom Psychoanalytiker soziales Vorstellungsvermögen.
Was erbringt die Kritische Theorie der Frankfurter Schule für die Psychoanalyse? Die ›logische Verblendung‹ als Quelle der Autorität. Fragen der Befreiung des Subjekts.
Claus-D. Rath (Berlin)

Die »Not des Lebens« (oder auch Lebensnot, Ananke) umfasst bei Freud äußere und innere Arbeitsanforderungen an den psychischen Apparat. Zur Lebensnot tragen das Reale, der konstante Drang des Triebs, das Drängen des Buchstabens ebenso bei wie das Joch der Zivilisation und der Aufwand, den Gesellschaften ihren einzelnen Mitgliedern zumuten, einschließlich sogenannter Sachzwänge.

Die Differenz zwischen Lustprinzip und einer historisch bestimmten Form des Realitätsprinzips wird zum zentralen Angriffspunkt für Herbert Marcuse, wenn er nach den Gründen fragt, aus denen überhaupt Triebverzicht stattfinden müsse. Er sieht dem Realitätsprinzip die Logik der jeweiligen Gesellschaft und deren Herrschaftsmechanismen eingeschrieben. Eine ihrer historischen Formen nennt er das Leistungsprinzip. Er sieht darin eine zusätzliche, über das Notwendige hinausgehende, künstlich erzeugte Lebensnot bzw. Unterdrückung.

Zur Lektüre empfohlen: 

Claus-Dieter Rath (2001): Begehren und Aufbegehren. Eine Skizze zum Verhältnis von Kritischer Theorie, Psychoanalyse und Studentenbewegung. In: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. 14. Jg. Heft 28, Tübingen, S. 50 – 99.

Teilnehmer können auf Wunsch eine pdf-Kopie dieses Textes erhalten


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).
Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.
Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.
Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.
Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.
Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 19. März 2022

Liebe Teilnehmer und Interessenten,
die Sitzung dieses Seminars findet Samstag, 19. März 2022 nur online via ZOOM statt.
Wer teilnehmen möchte, melde sich per E-Mail an (bei Seminar-RathCD@t-online.de). Sie erhalten wenige Tage vorher eine Einladung mit einem Teilnahmecode.
Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Sie können sich aber schon ab 17.00h einklinken.
(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Martine Gardeux (Berlin) und Gabrielle Gimpel (Toulouse) setzen sich mit den Thesen des französischen Psychoanalytikers Roland Gori in seinem soeben erschienenen Buch La fabrique de nos servitudes1 auseinander.

„Zur Fiktion des perfekten Menschenverkehrs gehören drei Apps: Apparate (Verwaltung), Apparaturen (Geräte und Gerätchen), applications (Programme). Unsichtbarer Bezugspunkt ist eine vierte, die Freud’sche App: der psychische Apparat, dessen Funktion das Seelenleben ist.“2 Wie transformiert die digitale Kommunikation unsere Fragen nach Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz?
Freud zitiert 1908 in Die ›kulturelleSexualmoral und die moderne Nervosität den Neurologen Wilhelm Erb, der 15 Jahre zuvor beobachtet hatte: „… durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze des Telegrafen und Telefons haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert.“
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen wir uns durch digitale Netze evaluiert, klassifiziert, kategorisiert – bis hin zur Dauerüberwachung der Bürger in manchen Ländern. Zugleich: radikale Demokratisierung der Information, Illusion eines Kommunizierens, das Unsagbares endlich artikulierbar mache.

„Die permanente Mobilisierung unserer Partialtriebe putscht uns auf und reizt dabei sämtliche Partialtriebe: Überblicken, Nachschauen, Prüfen, Einverleiben, Erfassen, Exklusion, Ortung, Verfolgung usw. Eilmeldungen, Push-Mitteilungen, Tweets halten uns in ständiger Erregung. Und das Aufregendste daran wird wiederum – affirmativ oder empört – in den herkömmlichen Medien berichtet.
Wir kontrollieren ständig, werden zur Kontrolle angehalten und sind unter Kontrolle. Man wird lokalisiert und muss sich identifizieren: sich einen Usernamen zulegen, sein Passwort eingeben, sich legitimieren, und man muss die Codes und Logos der Apparate und Instruktionen lesen können. Seit Jahrzehnten sind wir in einem Prozess der Semiotisierung begriffen, zu deren Subjekten wir uns dank des benutzerfreundlichen intuitiven Lernens machen.
Wir suchen bei denselben uns aufstachelnden Apparaten und Programmen wiederum Zuflucht, Rat und Erregungsabfuhr. Dies begünstigt die Verkürzung von Kritik- und Urteilsprozessen auf hoch besetzte Akte der Zustimmung und Ablehnung bzw. der Ausschließung oder des Austritts.“ 3

Martine Gardeux zu Gori

Wie der chinesische Kaiser in Andersens Märchen, der eine Zeit lang den Vogelautomaten der lebendigen Nachtigall vorzog, scheint es, dass wir die Algorithmen, die Zahlen und den künstlichen Austausch der Digitaltechnik der Welt des Lebendigen vorziehen. Der hier angestrebte Vorteil wäre die Illusion, uns der Angst vor dem Unerwarteten, der bösen Überraschung zu entledigen.
Roland Gori untersucht alle Bereiche, in denen die moderne Technokratie, die sich auf die Digitaltechnik und ihre Scharen von Algorithmen stützt, in unser Leben und in alle Berufsfelder eindringt. Er erinnert uns an die Bedeutung des Begriffs „Proletarisierung“, wie Lacan ihn verwendet hat: jemand, der seines Wissens beraubt wird. Und wenn die Melancholie nach Roland Gori manchmal eine Alternative darstellt, kann sie uns auch lähmen. In unseren digitalen Netzwerken ist es die Lust am Denken, die wir aufgeben, während unsere Blicke in azurblauen Bildschirmen herumirren. Der Wissenshunger versinkt in der praktisch-formalen Funktionsweise, die durch die Digitalisierung und das neurokognitive Wissen verbreitet wird.
Diese Vorliebe des chinesischen Kaisers konfrontiert uns mit einer menschlichen Tendenz, sich freiwillig für das Künstliche statt für das Lebendige zu entscheiden. Die gleiche Idee kommt in dem von Roland Gori gewählten Titel Die Fabrik unserer Knechtschaften zum Ausdruck, zumal sich dieser Titel auf den Text von La Boétie, Abhandlung über freiwillige Knechtschaft, stützt. Besser als der Titel eines früheren Buches von Roland Gori, Die Fabrik der Hochstapler, stellt sich hier eine direkte Verbindung zu dem her, was Gegenstand der Psychoanalyse ist: welchen Anteil die Subjektivität jedes Einzelnen an dem hat, was uns entfremdet?
Über den Umweg der Geschichte eines sogenannten wilden Kindes aus dem Aveyron (Anfang 19. Jh.), vermittelt uns Roland Gori eine sehr interessante Reflexion über die Sprache, über das Sprechen und darüber, wie die Neurowissenschaft und die Neuropädagogik an das Erbe der Aufklärung, das Erbe einer instrumentellen Rationalität, anknüpfen. Die poetische Funktion der Sprache, das Kreative im Sprechakt werden von den Neurowissenschaften ignoriert oder sogar verleugnet. Doch angesichts dieser symbolischen Verarmung appelliert Roland Gori an zahlreiche Autoren und erinnert an ihre Erfindungen, ihre Einfälle (trouvailles). Er zitiert Künstler, die nicht unbedingt im Trend sind, wie z. B. Joseph Beuys, Bertolt Brecht, Édouard Glissant. Von letzterem entlehnt er das Konzept der Formularleere (le vide formulaire) und spricht auch über seinen Begriff des Lebendigen (la pensée du vivant), das mir manchmal mehr als eine Affinität zum Begriff des Subjekts in Lacans Arbeit zu haben scheint. All diese Zitate sind weit davon entfernt, überwältigend zu sein, sondern sind in eine Bewegung eingebettet, die das Begehren nach einer anderen Welt als einer entzauberten wiederbelebt.

Gabrielle Gimpel zu Gori

Von Roland Gori’s Buch La fabrique de nos servitudes (Wie unsere Unterworfenheit fabriziert wird) habe ich vor allem die Anfangskapitel anregend gefunden: er beschreibt die Verallgemeinerung der Informatik, die Generalisierung der Normen im Gesundheitssystem und damit den Ausschluss des klinischen Falles, ob er kompliziert ist oder nicht, die Digitalisierung der Verwaltung und der Finanzierung des Gesundheitssystems in Frankreich (davon kann auch ich ein Lied singen).
Die Logik, vor der Gori uns warnt, ist der Ausschluss des Lebendigen, des Unregelmäßigen, des nicht Vorhersehbaren, der Überraschung, des Realen durch die Technik. Wir kennen diese Warnung schon aus der Philosophiegeschichte: die Realisten, die Positivisten wurden angeklagt, die Gedanken- und Gefühlswelt als «zu subjektiv» abzutun. Der gleiche Vorwurf wird heute an die Psychoanalyse gerichtet : «zu subjektiv»!
Die Digitalisierung und Technik haben aber nicht Antwort auf alles. Der große Andere antwortet nicht S(A)barré. Was der Bitte/Forderung (demande) und dem Begehren (désir) einen neuen Schwung geben kann.
Vor allem eine Warnung an die Psychoanalytiker: haltet nicht an dem Gelernten, Gelesenen fest, sondern hört Euren Analysanten so offen wie möglich zu, bleibt empfindsam für alles Unerhörte, Unerwartete, Überraschende, auch wenn es nicht sofort in die Theorie passt.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).
Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.
Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.
Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.
Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.
Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

1 Édition Les Liens qui Libèrent, 2022. Auch als e-book erhältlich.
2 C.-D. Rath: Sublimierung und Gewalt, Elemente einer Psychoanalyse der aktuellen Gesellschaft, Psychosozial Verlag 2019, Kap. „Das Volk als virtueller Körper – Populismus, Paranoia und digitale Kommunikation“, S. 169ff.
3 Rath, ebda.
Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

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