Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz

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Samstag, 11. November 2023

»Wirklich was Neues«. Aktualität in der Psychoanalyse und ihr Verhältnis zu Wiederholung und Nachträglichkeit

Wir unterhalten uns über Abhängigkeits-Aspekte des Aktuellen. Hier einige Anhaltspunkte:

Aktuell heißt: Etwas ist oder wird sinnlich wahrnehmbar, die Wahrnehmung erkennt etwas als Realität. Im 19. Jahrhundert wird „actualité“ (in Bezug auf die Philosophie) so definiert: „Ce qui est en acte (in actu), c’est à dire non seulement possible, mais réel et effectif présentement.“[1]

Aktuell ist der heutige Stand eines Sachverhalts oder etwas in diesem Augenblick Aufgetauchtes.

Die Aktualneurose wird in Freuds Terminologie allein durch einen gegenwärtigen Zustand erklärt, im Unterschied zu den Psychoneurosen. Mit den letzteren musste man anerkennen, „dass an der Wurzel aller Symptombildung traumatische Eindrücke aus dem Sexualleben der Frühzeit zu finden seien“.[2]

Der Begriff der Aktualität ist dem des Angstsignals verwandt. Aktuell ist etwas, das heraussticht und die Sinne anspricht. Etwas Akutes, das mit den verschiedenen Konzeptionen des Traumas zu tun hat (und damit auch mit Freuds Konzeption der Nachträglichkeit). Der Begriff der Reaktualisierung steht dem der Wiederholung nahe.

Das Aktuelle wird – bezogen auf das Paar „latent/manifest“ – leicht mit Unmittelbarkeit verwechselt, doch liegen ihm Vermittlungsprozesse zugrunde: Übersetzungen, Entstellungen, Verknüpfungen einer Vorstellung x mit einem höheren Affektbetrag.

Aktualität verweist auf etwas Neues, auf Neuigkeiten, auf etwas nicht in absentia, sondern im Hier und Jetzt Stattfindendes.

Machtpraktiken und Manipulationen bestimmen, was der Markt als Aktualität anbietet (als Heilversprechen einer Ware, als Schlagzeilen bzw. Nachrichtenwert). Aktuelle Mode fordert die Ausrichtung auf ein gesellschaftliches Ideal der Ästhetik und Lebenstechnik.

Wir unterliegen dem Imperativ, uns auf dem Laufenden zu halten, up to date zu sein („What’s up?“). Aktualität liefert frisches Futter für die ständige Neubearbeitung unserer – privaten und kollektiven – Phantasmen.

Was ist unter einer aktuellen Psychoanalyse zu verstehen? Worin erweist sich die Zeitgenossenschaft der Psychoanalyse?


Dies ist die letzte Seminarsitzung 2023, da vom 1.-3. Dezember der diesjährige Kongress der FLG ansteht: »Gehöre ich dazu?« Gesellschaftliche und familiäre Bindungen heute. (Informationen auf der Homepage www.freud-lacan-berlin.de)

Am Ende dieser Nachricht finden Sie die für Anfang 2024 geplanten Seminartermine.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

[1] La Grande Encyclopédie, Lamirault et Cie., Paris 1885, Bd. 1

[2] »Psychoanalyse« und »Libidotheorie« (1923) GW XIII, S. 219

Samstag, 7. Oktober 2023

Die Gewalt des Sexuellen und das Sexuelle der Gewalt

U.a. bezogen auf Sándor Ferenczis „Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind (Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft)“.

In der psychoanalytischen Erfahrung, im psychoanalytischen Diskurs, ist Gewalt – bezogen auf physische Zerstörung, Autoritätsverhältnisse und Herrschaftsstrukturen – auch dort etwas Sexuelles, wo sie nicht als sexuelle Gewalt erscheint.

Die Psychoanalyse befasst sich in erster Linie mit dem sexuellen Charakter verschiedener Gewaltformen. Psychoanalytiker hören Schilderungen realer Gewaltpraktiken, struktureller Gewalt (in Familien, an Arbeitsstätten und in anderen Institutionen) und masochistischer und sadistischer Phantasmen wie »Ein Kind wird geschlagen« (vgl. Freud, 1919e). Vor allem aber – und deutlicher, als dies Soziologen oder Kulturphilosophen feststellen können – werden wir Zeugen der Gewalt der einzelnen Sexual- und Todestriebe, der Wiederholung, der Verdrängung, der Zwangsbildungen.

Ferenczi, Sándor [1933]: Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind (Die Sprache der Zärtlichkeit und der Leidenschaft). In Bausteine zur Psychoanalyse. Bd. III: Arbeiten aus den Jahren 1908-1933. Frankfurt a. M./Berlin/Wien: Ullstein Materialien 1984, S. 511-525.

Im Internet:

https://archive.org/details/InternationaleZeitschriftFuumlrPsychoanalyseXixHeft12/page/6/mode/2up

Am Ende dieser Nachricht finden Sie die für Anfang 2024 geplanten Seminartermine.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 2. September 2023

Widersprüchliche Gesetze, denen wir als Subjekte unterstehen: Gesetz der Sprache (langage) und Gesetz des Sprechens (parole).

Wenn Jacques Lacan von „la loi“ oder von „les lois » du langage (und de la parole) spricht, geht das auf Ferdinand de Saussures Lehre zurück, der in seinem zwischen 1907 und 1910 gehaltenen Cours de linguistique generale sprachliche Gesetzmäßigkeiten diskutiert. Saussure unterscheidet Langage, langue und parole und zugleich verknüpft er sie aufs Engste.

Im Deutschen sind die drei von Saussure eingeführten Termini besonders schwer zu unterscheiden. Für die ersten beiden gibt es meist nur „die Sprache“ und parole wird übersetzt mit „das Sprechen“, einer Verbform von „Sprache“. Damit verliert sich die dialektische Spannung zwischen langage und parole.

Lacan verknüpft die parole mit Gabe und Geschenk. Für die psychoanalytische talking cure sind langage und parole von Interesse nicht nur als Wissensschatz bezüglich des eigenen Begehrens und Genießens, nicht nur als Sprechakt, nicht nur als Gabe (parole/don), sondern auch als eine „Struktur“: Die Sprache bestimmt hier als ein Arsenal logischer Operationen den Lauf der Schicksalswege eines Triebs: die Verkehrung ins Gegenteil, aktiv – passiv, die Wendung gegen die eigene Person, Verdichtung und Verschiebung usw.

Moustapha Safouan nennt das Sprechen (parole) eine Rede (discours), bei der die Gegenwart des Subjekts deutlich spürbar ist (Safouan, S. 80). Das ausschließlich Symbolische ist tödlich, wenn es keinen Raum für das Subjektive, d.h. für das Sprechen (parole) gebe. Safouan: „Die Symbole, so Lacan in der Rede [von Rom 1953], umgeben das Leben des Menschen mit einem so totalen Netz, daß der Lebende darin umkäme, wenn das Begehren nicht wenigstens einen Teil Autonomie sich erhielte. Dies wird Lacan veranlassen, es [das Begehren; CDR] als eine »absolute Bedingung« zu bestimmen. Nur, bemerkt er, das Begehren fordert seinerseits selbst die Anerkennung durch das Wort. Von daher scheint das Problem für uns zwischen den Begriffen Sprechen (parole) und Sprache (langage) zu liegen.“ (Safouan, S. 87).

Die Frage des Risikos der parole (des Sprechens) gehört zu den drängenden Problemen der heutigen Klinik und der aktuellen Gesellschaft.

Literaturhinweise:

Lacan, Jacques (1973 [1953]). Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache in der Psychoanalyse. Bericht auf dem Kongreß in Rom am 26. u. 27. September 1953 (Übers. K. Laermann). In Schriften I (S. 71-169). Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Neue Übersetzung v. H.-D. Gondek (2016). In Schriften I (S. 278-381). Wien: Turia+Kant

Safouan, Moustapha. (2002). Lacans Rede von Rom – 50 Jahre später (übers. C.-D. Rath). In Jahrbuch für Klinische Psychoanalyse, Bd. 4: Übertragung, Hg. A. Michels, P. Müller, A. Perner, C.-D. Rath. (pp. 80-90). Tübingen: Diskord


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.

Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.

Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 3. Juni 2023

Abhängigkeiten in psychoanalytischen Gesellschaften

Die Psychoanalyse sei „gesellig“, wird öfter mithilfe eines Freud-Zitats betont, das einem Brief an Georg Groddeck 1924 entstammt: „Es ist schwer die Psychoanalyse als Vereinzelter zu treiben. Es ist ein exquisit geselliges Unternehmen.“ Betont wird dabei der zweite Satz, den manche als Aufforderung verstehen, Psychoanalytiker sollten öfter einmal etwas miteinander trinken. „Exquisit gesellig“ meint aber im Kontext dieses Briefs nicht lediglich geselliges Beisammensein, sondern Kooperation, Austausch, Arbeitsteilung und Vergesellschaftung des konkreten psychoanalytischen Wissens. Eben die Überwindung der schwierigen Position eines Vereinzelten.

Im Fall des Briefs an Groddeck ist der in Salzburg stattfindende Kongress der IPV die Form der Gesellschaft und der Vergesellschaftung von Psychoanalytikern. Grundsätzlich besteht psychoanalytische Geselligkeit in einer spezifischen Form von Arbeitsübertragung und Zusammenarbeit und diese Arbeitsgemeinschaft kann die Form von Vereinen (wie Freuds Wiener Mittwochsgesellschaft), Assoziationen, Forschungs- und Ausbildungsinstituten annehmen. Bei den letzteren beeinträchtigen Machthierarchien die freie psychoanalytische Forschung und Übertragungsverhältnisse kompromittieren die sogenannten Lehranalysen. Auch alternative Modelle (die Kooperationsformen in Tavistock, die von Lacan eingeführten cartels und die passe) sind nicht frei davon.

Die psychoanalytische Kur selbst, von Freud als eine Arbeitsteilung zwischen Analysant und Analytiker konzipiert, lässt sich als mini-soziales Geschehen bezeichnen (wie Freud die Hypnose eine „Massenbildung zu zweien“ genannt hat). Freud sieht einen aktiven und einen passiven »Partner der analytischen Situation« (Freud 1937c, S. 95) und betont an der passiven Position des Patienten eine gewisse aktive Haltung. (Dieser ist es schließlich, der sich im Zuge seiner psychoanalytischen Kur umarbeitet.)

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus. Eine besondere Herausforderung ist das Mitwirken in einer psychoanalytischen Gesellschaft, besonders wenn der eigene Analytiker dort eine bestimmende Position innehat. Der missbräuchliche Umgang mit diesen Übertragungszusammenhängen führt zur Gründung von Ethik-Kommissionen usw.

Welche Interdependenzen gibt es, welche notwendigen Abhängigkeiten, welche Formen der Originalitäts-Sucht – und was begreift die Psychoanalyse selbst von den sozialen Bändern und Bindungen derer, die sie ausüben: Psychoanalytiker und Psychoanalysanten?

Beginnen wir einen Erfahrungsaustausch.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 6. Mai 2023

Psychoaktive Substanzen als Kalkül der Lebensführung

Innerhalb von Freuds Überlegungen zu den Glücksstrebungen der Menschen und deren Umgang mit der ›Not des Lebens‹ wenden wir uns bestimmten ›Linderungsmitteln‹ oder ›Hilfskonstruktionen‹ zu, die sich in den letzten Jahrzehnten eingebürgert haben. Freud schreibt 1929, also vor fast 100 Jahren:

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren. (Es geht nicht ohne Hilfskonstruktionen, hat uns Theodor Fontane gesagt.) Solcher Mittel gibt es vielleicht dreierlei: mächtige Ablenkungen, die uns unser Elend gering schätzen lassen, Ersatzbefriedigungen, die es verringern, Rauschstoffe, die uns für dasselbe unempfindlich machen. Irgendetwas dieser Art ist unerläßlich.

Fußnote: Auf erniedrigtem Niveau sagt Wilhelm Busch in der »Frommen Helene« dasselbe: »Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«

Auf die Ablenkungen zielt Voltaire, wenn er seinen »Candide« in den Rat ausklingen läßt, seinen Garten zu bearbeiten; solch eine Ablenkung ist auch die wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ersatzbefriedigungen, wie die Kunst sie bietet, sind gegen die Realität Illusionen, darum nicht minder psychisch wirksam dank der Rolle, die die Phantasie im Seelenleben behauptet hat. Die Rauschmittel beeinflussen unser Körperliches, ändern seinen Chemismus.“

Sigmund Freud (1930): Das Unbehagen in der Kultur, Kap. II, GW 14, S. 432f.

Seitdem sind weitere Substanzen Teil unseres Alltags oder der Feste. Ihre Drogenwirkung setzt nicht notwendigerweise am körperlichen Chemismus an, wie im Fall des Alkohols oder der sogenannten Rauschgifte. Substanzen könnte man auch eine Vielzahl von Techniken der Ablenkung, Ersatzbefriedigung, Aufreizung und Beruhigung nennen, die zur heutigen „Selbstsorge“ gehören: der Gebrauch von digitalen Gadgets, Psychopharmaka, Psychopraktiken und Psychodiskursen.

Welche Herausforderungen stellen sie für die Psychoanalyse-Praxis dar?


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 15. April 2023

Not des Lebens und Technik
Verfahrensweisen, Geräte, Lebenstechniken, Symptom als Technik, Technik der Psychoanalyse, …

Zentraler Bezugspunkt unserer Erörterungen ist folgende Passage aus
Sigmund Freud (1930): Das Unbehagen in der Kultur, Kap. II, GW 14, S. 440-444:
„[…]

Ich glaube nicht, daß diese Aufzählung der Methoden, wie die Menschen das Glück zu gewinnen und das Leiden fernzuhalten bemüht sind, vollständig ist, weiß auch, daß der Stoff andere Anordnungen zuläßt. Eines dieser Verfahren habe ich noch nicht angeführt; nicht daß ich daran vergessen hätte, sondern weil es uns noch in anderem Zusammenhange beschäftigen wird. Wie wäre es auch möglich, gerade an diese Technik der Lebenskunst zu vergessen! Sie zeichnet sich durch die merkwürdigste Vereinigung von charakteristischen Zügen aus. Sie strebt natürlich auch die Unabhängigkeit vom Schicksal – so nennen wir es am besten – an und verlegt in dieser Absicht die Befriedigung in innere seelische Vorgänge, bedient sich dabei der vorhin erwähnten Verschiebbarkeit der Libido, aber sie wendet sich nicht von der Außenwelt ab, klammert sich im Gegenteil an deren Objekte und gewinnt das Glück aus einer Gefühlsbeziehung zu ihnen. Sie gibt sich dabei auch nicht mit dem gleichsam müde resignierenden Ziel der Unlustvermeidung zufrieden, eher geht sie achtlos an diesem vorbei und hält am ursprünglichen, leidenschaftlichen Streben nach positiver Glückserfüllung fest. Vielleicht kommt sie diesem Ziele wirklich näher als jede andere Methode. Ich meine natürlich jene Richtung des Lebens, welche die Liebe zum Mittelpunkt XIV441 nimmt, alle Befriedigung aus dem Lieben und Geliebtwerden erwartet. Eine solche psychische Einstellung liegt uns allen nahe genug; eine der Erscheinungsformen der Liebe, die geschlechtliche Liebe, hat uns die stärkste Erfahrung einer überwältigenden Lustempfindung vermittelt und so das Vorbild für unser Glücksstreben gegeben. Was ist natürlicher, als daß wir dabei beharren, das Glück auf demselben Wege zu suchen, auf dem wir es zuerst begegnet haben. Die schwache Seite dieser Lebenstechnik liegt klar zu Tage; sonst wäre es auch keinem Menschen eingefallen, diesen Weg zum Glück für einen anderen zu verlassen. Niemals sind wir ungeschützter gegen das Leiden, als wenn wir lieben, niemals hilfloser unglücklich, als wenn wir das geliebte Objekt oder seine Liebe verloren haben. Aber die auf den Glückswert der Liebe gegründete Lebenstechnik ist damit nicht erledigt, es ist viel mehr darüber zu sagen.

Hier kann man den interessanten Fall anschließen, daß das Lebensglück vorwiegend im Genusse der Schönheit gesucht wird, wo immer sie sich unseren Sinnen und unserem Urteil zeigt, der Schönheit menschlicher Formen und Gesten, von Naturobjekten und Landschaften, künstlerischen und selbst wissenschaftlichen Schöpfungen. Diese ästhetische Einstellung zum Lebensziel bietet wenig Schutz gegen drohende Leiden, vermag aber für vieles zu entschädigen. Der Genuß an der Schönheit hat einen besonderen, milde berauschenden Empfindungscharakter. Ein Nutzen der Schönheit liegt nicht klar zu Tage, ihre kulturelle Notwendigkeit ist nicht einzusehen, und doch könnte man sie in der Kultur nicht vermissen. Die Wissenschaft der Ästhetik untersucht die Bedingungen, unter denen das Schöne empfunden wird; über Natur und Herkunft der Schönheit hat sie keine Aufklärung geben können; wie gebräuchlich, wird die Ergebnislosigkeit durch einen Aufwand an volltönenden, inhaltsarmen Worten verhüllt. Leider weiß auch die Psychoanalyse über die Schönheit am wenigsten zu sagen. Einzig die Ableitung aus dem Gebiet des Sexualempfindens scheint gesichert; XIV442 es wäre ein vorbildliches Beispiel einer zielgehemmten Regung. Die »Schönheit« und der »Reiz« sind ursprünglich Eigenschaften des Sexualobjekts. Es ist bemerkenswert, daß die Genitalien selbst, deren Anblick immer erregend wirkt, doch fast nie als schön beurteilt werden, dagegen scheint der Charakter der Schönheit an gewissen sekundären Geschlechtsmerkmalen zu haften.

Trotz dieser Unvollständigkeit getraue ich mich bereits einiger unsere Untersuchung abschließenden Bemerkungen. Das Programm, welches uns das Lustprinzip aufdrängt, glücklich zu werden, ist nicht zu erfüllen, doch darf man – nein, kann man – die Bemühungen, es irgendwie der Erfüllung näherzubringen, nicht aufgeben. Man kann sehr verschiedene Wege dahin einschlagen, entweder den positiven Inhalt des Ziels, den Lustgewinn, oder den negativen, die Unlustvermeidung, voranstellen. Auf keinem dieser Wege können wir alles, was wir begehren, erreichen. Das Glück in jenem ermäßigten Sinn, in dem es als möglich erkannt wird, ist ein Problem der individuellen Libidoökonomie. Es gibt hier keinen Rat, der für alle taugt; ein jeder muß selbst versuchen, auf welche besondere Fasson er selig werden kann. Die mannigfachsten Faktoren werden sich geltend machen, um seiner Wahl die Wege zu weisen. Es kommt darauf an, wieviel reale Befriedigung er von der Außenwelt zu erwarten hat und inwieweit er veranlaßt ist, sich von ihr unabhängig zu machen; zuletzt auch, wieviel Kraft er sich zutraut, diese nach seinen Wünschen abzuändern. Schon dabei wird außer den äußeren Verhältnissen die psychische Konstitution des Individuums entscheidend werden. Der vorwiegend erotische Mensch wird die Gefühlsbeziehungen zu anderen Personen voranstellen, der eher selbstgenügsame Narzißtische die wesentlichen Befriedigungen in seinen inneren seelischen Vorgängen suchen, der Tatenmensch von der Außenwelt nicht ablassen, an der er seine Kraft erproben kann. Für den mittleren dieser Typen wird die Art seiner Begabung und das Ausmaß der ihm möglichen Triebsublimierung dafür bestimmend werden, wohin er seine Interessen XIV443 verlegen soll. Jede extreme Entscheidung wird sich dadurch strafen, daß sie das Individuum den Gefahren aussetzt, die die Unzulänglichkeit der ausschließend gewählten Lebenstechnik mit sich bringt. Wie der vorsichtige Kaufmann es vermeidet, sein ganzes Kapital an einer Stelle festzulegen, so wird vielleicht auch die Lebensweisheit raten, nicht alle Befriedigung von einer einzigen Strebung zu erwarten. Der Erfolg ist niemals sicher, er hängt vom Zusammentreffen vieler Momente ab, von keinem vielleicht mehr als von der Fähigkeit der psychischen Konstitution, ihre Funktion der Umwelt anzupassen und diese für Lustgewinn auszunützen. Wer eine besonders ungünstige Triebkonstitution mitgebracht und die zur späteren Leistung unerläßliche Umbildung und Neuordnung seiner Libidokomponenten nicht regelrecht durchgemacht hat, wird es schwer haben, aus seiner äußeren Situation Glück zu gewinnen, zumal wenn er vor schwierigere Aufgaben gestellt wird. Als letzte Lebenstechnik, die ihm wenigstens Ersatzbefriedigungen verspricht, bietet sich ihm die Flucht in die neurotische Krankheit, die er meist schon in jungen Jahren vollzieht. Wer dann in späterer Lebenszeit seine Bemühungen um das Glück vereitelt sieht, findet noch Trost im Lustgewinn der chronischen Intoxikation, oder er unternimmt den verzweifelten Auflehnungsversuch der Psychose.[6]

Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl und Anpassung, indem sie ihren Weg zum Glückserwerb und Leidensschutz allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre Technik besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung XIV444 in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie wir gesagt haben, viele Wege, die zu dem Glück führen können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keinen, der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes »unerforschlichem Ratschluß« zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur die bedingungslose Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg ersparen können.“

[6] Es drängt mich, wenigstens auf eine der Lücken hinzuweisen, die in obiger Darstellung geblieben sind. Eine Betrachtung der menschlichen Glücksmöglichkeiten sollte es nicht unterlassen, das relative Verhältnis des Narzißmus zur Objektlibido in Rechnung zu bringen. Man verlangt zu wissen, was es für die Libidoökonomie bedeutet, im wesentlichen auf sich selbst gestellt zu sein.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 18. März 2023

›Haben wir uns jetzt verstanden!?‹

Der Trick mit der heilbringenden ›Kommunikation‹. Erstickung von Besonderheiten. Übereinstimmung als Bedingung einer Zugehörigkeit.

Claus-Dieter Rath (Berlin)

Wir sind abhängig davon, uns verständlich machen zu können und verstanden zu werden. Dabei haben wir mit unserer Gespaltenheit (bewusst/unbewusst) und mit Sprach-Barriere (im doppelten Sinn) zu kämpfen.
Es wird heute der Anschein erweckt, alles sei sagbar, kommunizierbar und daher heilbar. Zugleich untersteht unsere Kultur, die sich ihrer Vielfalt rühmt, einem Diktat der Eindeutigkeit und der Übereinstimmung. In der psychoanalytischen Praxis kann etwas vom Anpassungsdruck der jüngeren Generationen vernommen werden.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Paul-Laurent Assoun: Psychanalyse, malentendu et communication. Dans Hermès, La Revue 2019/3 (n° 85), pages 55 à 61 Éditions CNRS Éditions. Im Internet: https://www.cairn.info/revue-hermes-la-revue-2019-3-page-55.htm
  • Mario Perniola: Wider die Kommunikation. (Übers. S. Schneider) Berlin: MERVE 2005. [Contro la comunicazione. Torino: G. Einaudi 2004]

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 18. Februar 2023

Themenschwerpunkte des ersten Halbjahrs sind u.a.:

  • Not des Lebens und Technik (Verfahrensweisen, Geräte, Lebenstechniken, Symptom als Technik, Technik der Psychoanalyse, …)
  • Der Kommunikations-Kick bei der Auf- und Abwertung von Zugehörigkeit
  • Geschwisterbande
  • Abhängigkeiten in psychoanalytischen Gesellschaften

Geschwisterbande. Familiäre und gesellschaftliche Bindungen

Claus-Dieter Rath (Berlin)

Wir werden oder wir bekommen Schwestern und Brüder innerhalb eines Verwandtschaftssystems. Fehlt die Abstammung von gemeinsamen Eltern, ist von Halb- oder Stiefgeschwistern die Rede. Doch stimmen unsere Verbundenheit und Distanz nicht direkt mit der unserer rechtlich definierten Stellung innerhalb der Gruppe der Kinder einer Familie überein. Unsere Abhängigkeit von einzelnen Geschwistern kann deutlich stärker ausgeprägt sein als unser Familiensinn bzw. als die ökonomische Bedeutung familiärer Bande in unserer Gesellschaft (im Unterschied zu einer agrarischen Kultur).
Von diesen Bindungen und Bindungsschicksalen erfahren wir in der psychoanalytischen Kur.
Öfter wird behauptet, die Psychoanalyse erforsche und theoretisiere am Subjekt nur die realen, symbolischen und imaginären Dimensionen von Mutter und Vater (gleichsam die vertikale Achse), und ignoriere die (horizontalen) Beziehungen zwischen den Kindern.
Träfe das zu, würde die Psychoanalyse ihrer eigenen Erfahrung nicht gerecht: Bruderhass, Konkurrenz, Neid, Eifersucht und entsprechende Reaktionsbildungen wie der Gerechtigkeitssinn. Adoptionsartige Formen der Aneignung des/der Kleinen durch die große Schwester oder den großen Bruder. Geschwisterliebe bis hin zum Inzest. Die Rolle des kranken oder behinderten Geschwisters, dem besondere Aufmerksamkeit zuteilwurde. Das Gespenst des totgeborenen Geschwisters, auf das man folgte.
Freud ignoriert das Geschwisterthema keineswegs: Die Bruderhorde und das Gesetz (Totem und Tabu), die Rolle der Brüderlichkeit in der Massenpsychologie, bis zur pazifizierenden Rolle der gegenseitigen Identifizierung in „Warum Krieg?“. Der Konflikt zwischen den unmäßigen Liebesansprüchen und dem Erscheinen eines weiteren Kinds in der Kinderstube (Der kleine Hans). Das Gefühl der Bedrohung als eines der Motive für die kindliche Sexualforschung: „Die Forschung richtet sich auf die Frage, woher die Kinder kommen, geradeso, als ob das Kind nach Mitteln und Wegen suchte, ein so unerwünschtes Ereignis zu verhüten.“ Oft geht es bei Freud um die Spannung zwischen der Geschwisterbindung und der sozialen Bindung.
Lacan versucht sogar eine dialektische Wendung: anhand von Augustinus‘ Beschreibung des neiderfüllten Blicks des Milchbruders auf seinen Rivalen interpretiert er die „Eifersucht als Archetyp der Sozialgefühle“, nämlich als eine Form der Identifizierung.

Versuchen wir zu artikulieren, welchen individuellen und kollektiven Fragen der Geschwisterbindung, der Brüderlichkeit und der Schwesterlichkeit (sororité, sorellanza, sisterhood) wir heute begegnen.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Christina von Braun: Rote Tinte. Ohne Schrift keine Blutslinien. In: Die Familie. Ein Archiv. Hrsg. von Ellen Strittmatter. Deutsches Literaturarchiv Marbach 2017, S. 22-39.
  • Sigmund Freud (1917b): Eine Kindheitserinnerung aus »Dichtung und Wahrheit«. GW 12, S. 15-26.
  • Sigmund Freud: Brief an Thomas Mann, 29. 11., 1936, in: Freud, S. (1960a [1873-1939]): Briefe 1873 – 1939, Frankfurt a. M. 1960, 3., korrig. Aufl. 1980, S. 447ff.
  • Jacques Lacan (1980 [1938]): Die Familie (übers. F. A. Kittler). Schriften III. Olten (Walter), S. 39–100, bes. Der Komplex des Eindringlings, S. 54-62 (Les complexes familiaux dans la formation de l’individu, in: Autres écrits, Paris: Seuil 2001, bes. Le complexe de l’intrusion, S. 36-45)
  • Juliet Mitchell: Siblings. Sex and Violence (2003 Oxford Blackwell). Auch als e-book.
  • Catherine Muller: Freud et Napoléon. Le complexe fraternel. (Campagne Première, Paris 2022)
  • Claus-Dieter Rath (2013): Der Rede Wert. Psychoanalyse als Kulturarbeit. Wien-Berlin: Turia + Kant. Kap. Familienbande, S. 111-130

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 3. Dezember 2022

Was hat Psychoanalyse mit Interdependenz zu tun?

Claus-Dieter Rath (Berlin)

Nachdem wir einige Aspekte von Abhängigkeiten und Unabhängigkeit exploriert haben, darunter „Subjektivierung“, „Macht“, „Befreiung“, tragen wir in der Dezember-Sitzung spezifische Herausforderungen der Interdependenz zusammen. Welche psychoanalytischen und gesellschaftlichen Erfahrungen erhellen die Bedingungen, Mechanismen und Ökonomien gegenseitiger Abhängigkeit?

Inter“ heißt hier mehr, als dass alles von allem abhänge, denn Interdependenz erstreckt sich auf Menschen, auf die Anerkennung des eigenen Begehrens durch den Anderen und auf Strukturen. Sie erhebt sich über das unmittelbare Zusammensein zwischen Menschen, denn sie impliziert Strukturen und Machtverhältnisse; der persönliche Andere ist nichts ohne den unpersönlichen, denn ohne ein savoir faire, ohne eine hilfreiche Struktur, wäre er selber hilflos.

Das inter fungiert als soziales Band (lien social), als Gelenk, Verklammerung, Schnittstelle, Transmission, Allianz. Zugleich ist es klaffende Leere, die ein vermittelndes Dazwischen erfordert – in Gestalt der Anerkennung des Begehrens des Subjekts durch das Begehren des Anderen und in Gestalt einer Struktur.

Nicht allein die Personen- sondern auch die Struktur-Beziehung hängt von einem „Inter“ ab, die Sprache, die „elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (Lévi-Strauss), die Strukturen des Gesetzes, politische Strukturen. Der Einzelne ist dabei weder Meister noch Marionette, weder Schöpfer noch bloßer Abklatsch eines Kulturmusters. Lacan geht davon aus, dass »jeder in jedem Augenblick der Sprache, die er spricht, einen kleinen Schubs/Impuls/Anstoß/Kick gibt«.

FunktionierendeInterdependenzist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet. Freud’sche Kulturarbeit wird von den Menschen nicht bewusst vollzogen, sondern unbewusst wie die Traumarbeit oder die Trauerarbeit. Sie ist etwas von den Subjekten Vollbrachtes, ein bestimmter Umgang des Subjekts mit den Nebenmenschen und mit den Trieben, vorrangig als Sublimierung.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 vonDas Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von derÜbertragungals Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption desIchs(in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und desSubjekts(als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierendeInterdependenzist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 5. November 2022

Weiteres zu unserer Abhängigkeit von Anerkennung (u.a. bezogen auf Texte von J. Benjamin, A. Honneth, G. Pommier, J. Rancière)

Claus-Dieter Rath (Berlin)

(Die folgenden Zeilen habe ich schon zur Seminarsitzung im Juni verschickt, das Thema jedoch damals nur knapp behandelt. Daher noch einmal.)

Menschen anderer Muttersprache stehen oft vor der Frage, ob für reconnaitre, riconoscere, recognize das treffende deutsche Wort nun erkennen oder anerkennen lautet.

Und aus der Rückübersetzung beider Begriffe ergibt sich eine Vielfalt von Worten, die den Bedeutungshorizont von Anerkennung verschwimmen lässt.

Wenn psychoanalytische Abhandlungen die Anerkennung und das Anerkennen für die Konstituierung des Subjekts und seines Begehrens hervorheben, bleibt oft ungeklärt, welcher Vorgang, welche Relation oder welcher Zustand jeweils gemeint ist.

Eine „relationale“ Strömung in der Psychoanalyse möchte eine angeblich antisoziale Freud‘sche Konzeption des Subjekts durch ein intersubjektives Hilfsgerüst erweitern. Das versucht auch die an den Arbeiten von Axel Honneth orientierte Sozialphilosophie. Auf Jacques Lacans Beschäftigung mit dem „Kampf um Anerkennung“ oder der „Anerkennung des Begehrens durch den Anderen“ wird dort meist nur in Randbemerkungen verwiesen.


1 Als hätte Freud etwa in der Massenpsychologie (1921) seine Position nicht erklärt: „Im Seelenleben des Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem erweiterten aber durchaus berechtigten Sinne.“ (GW 13, S. 73)

Nicht zuletzt hat die Anerkennung im Feld der Psychoanalyse große soziale Relevanz: Wer wird wie als Psychoanalytiker anerkannt?

Mir scheint, dass ein Teil der Komplikationen um die Anerkennung (gegenüber dem Erkennen) darin besteht, dass es sich um einen Wertbegriff handelt.

Anerkennung betrifft die Legitimität eines Subjekts und seiner Identifizierungen, bezogen auf das Ich-Ideal und das Idealich (symbolisch und imaginär). Also die Ernennung, Nominierung: infolge eines Urteilsvorgangs wird etwas zuerkannt. Mit dieser Zusprechung einer Qualität/Eigenschaft (Approbation) erfolgt die Erhebung in einen besonderen Stand, Verleihung einer Würde, und daraus sich ergebende Berechtigungen, Autorisierungen.

Anerkennung betrifft aber auch die Legitimität eines Triebwunschs, die Gültigkeit oder Triftigkeit eines Motivs. Freud sah als ein Kernstück der psychoanalytischen Kur die neuerliche Prüfung alter Verdrängungsvorgänge und die Entscheidung darüber, wie mit den jeweiligen Triebwünschen fortan umzugehen sei (Realisierung, erneute Verdrängung, Sublimierung).

Im Begriff der Anerkennung sind also verschiedene Dimensionen herauszuarbeiten, denn die Anerkennung, die man sich von jemandem erwartet oder die man jemandem zollt oder abnötigt, ist nicht dasselbe wie „die Anerkennung des Unbewußten“, die „von seiten des Ichs sich in einer negativen Formel ausdrückt“, etwa in der Äußerung „Daran habe ich nicht (nie) gedacht“. Beide Dimensionen können sich verknüpfen im Fall der Partialobjekte, die an der geliebten Person entdeckt werden (Beispiel Mama als die Brust der Mutter und als die Person Mutter).

Andreas Wildt sieht in der Anerkennung („Anerkennung der Realität“) in erster Linie den Gegenbegriff zur Verleugnung („Verleugnung der Realität“) und er definiert sie als etwas stets Widerstrebendes, als Ausdruck einer „Ambitendenz“ im Unterschied zu schlichtem Bejahen oder Bestätigen („man muss anerkennen“).

Die Spielarten der Anerkennung entfalten sich zwischen dem Subjekt, seinen Nebenmenschen und dem großen Anderen, also der Instanz des Gesetzes, das die direkte Triebbefriedigung einschränkt. Die narzisstischen Vollkommenheits- und Allmachtgefühle widersetzen sich der Anerkennung des Kastriertseins.

Der Anerkennungsvorgang hängt davon ab, wie das Subjekt den großen Anderen und als was es sich selbst in Bezug auf diesen definiert. Wer kann mich anerkennen? Wen anerkenne ich als eine Instanz, die mich anerkennen kann. In welcher Eigenschaft und bezogen auf welches Begehren des Anderen? Was an mir soll anerkannt werden? „Als was werde ich anerkannt? Als was anerkenne ich mich?“ gehört zu dem „Das bist du!“ in Lacans Theorie des Spiegelstadiums.

Natürlich sind dabei auch kollektive Phantasmen beteiligt.

Anerkennung suchen wir mit dem (an eine Person gerichteten) Liebesappell wie im Ringen um Wertschätzung durch unser (unpersönliches) Über-Ich.

Hypothese: Im Akt des Sprechens vollzieht sich ein permanentes, oft dramatisches Spiel der Anerkennung – bezogen auf das Gegenüber, einen selbst und die Sprache als kulturelle Instanz.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Benjamin, Jessica (1993 [1990]): Fesseln der Liebe. Psychoanalyse, Feminismus und das Problem der Macht (übers. N. T. Lindquist / D. Müller). Frankfurt a.M.: Fischer.
  • Im Themenheft „Anerkennung“ von RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse (Heft 66, 2007; 2). Artikel von
    • Andreas Cremonini: Die Anerkennung des anderen. Ein neues Paradigma der Psychoanalyse? (S. 7-16)
    • Inara Luisa Marin: Anerkennung bei Lacan (S. 31-56)
  • Honneth, Axel (2007): Freuds Konzeption der individuellen Selbstbeziehung. In Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie (S. 157-179). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Axel Honneth (2010): Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
  • Axel Honneth, mit Jacques Rancière: Anerkennung oder Unvernehmen? Eine Debatte. Suhrkamp: Berlin 2021
  • Axel Honneth und Inara Luisa Marin (Interview 2009): European Journal of Psychoanalysis (2015). https://www.journal-psychoanalysis.eu/articles/interview-with-axel-honneth/ (als pdf auch unter: https://www.journal-psychoanalysis.eu/wp-content/themes/europeanjourna/pdf.php?ida=2414)
  • Pommier, Gérard (2019). Le point de vue moral d’Honneth et la dialectique négative de la culpabilité freudienne. Paris, Espace Analytique, 1er juin 2019. [unveröff. Vortrag]

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 vonDas Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von derÜbertragungals Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption desIchs(in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und desSubjekts(als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierendeInterdependenzist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 8. Oktober 2022

Claus-Dieter Rath (Berlin)

Jede Kultur theoretisiert psychische Gebilde, die sie selbst mit hervorbringt: sie klassifiziert sie als Neurose, Perversion oder Psychose, als Wahn, als Stoffwechselkrankheit oder neurologische Störung, und sie konstruiert Ursachen, die von der frühkindlichen Störung über Missbrauch durch Erwachsene bis zu Verhexung, Besessenheit, Liebes- oder Todeszauber reichen können. Diese Erklärungen beziehen ihre Überzeugungskraft aus Religion, Okkultismus und Wissenschaft. Aus der Klassifikation ergeben sich Themen der Selbstsorge, der Prophylaxe und Gegenmittel, mit denen die Mitglieder einer Gesellschaft (und die gesellschaftlichen Institutionen) reagieren können oder müssen: Ausschließung, Verwahrung (Einschließung), Exorzismus (Austreibung), medikamentöse, Physio- und Psycho-Therapien, magische Rituale, …

Als Magie bezeichnen wir eine unerklärliche Wirkung. Etwas kommt oder verschwindet wie von Zauberhand. Sie ist eine von einem Menschen oder einem Gegenstand ausgehende geheimnisvolle Kraft als solche, kann sich aber auch der Kunstfertigkeit eines Magiers verdanken. „Weiße Magie“ heilt, erlöst, schützt (Abwehrmagie), „schwarze Magie“ verhext, schädigt, tötet. Sie kann jemanden in Fesseln legen (Faszination, Besessenheit) oder aus einer aufgezwungenen Bindung befreien, sie kann im weitesten Sinn vergiften und entgiften.

Sie wird aktiv ausgeübt, als Einwirkung auf andere, und passiv erlebt, etwa bei der Introjektion in den Körper; so präsentieren sich die mit der oralen, „kannibalistischen“ Identifizierung verbundenen Vorstellungen als Speisetabus, Diäten, Vergiftungsängste, Glaube an Superfood. Magische Praktiken sind für Sigmund Freud eine infantile und neurotische „Überbetonung der psychischen Realität im Vergleich zur materiellen“. Sie basieren auf dem Glauben an die Realisierbarkeit des menschlichen Willens und Wünschens durch den Einsatz eines Gegenstands, eines Bildes, eines Worts, einer Formel, eines Zeremoniells, einer symbolischen Handlung, imitierender, mimetischer Aktionen. Dabei übernimmt „ein Symbol die volle Leistung und Bedeutung des Symbolisierten“ (Das Unheimliche GW 12, S. 258).

Im sozialen Verkehr prägt die „Zuteilung von sorgfältig abgestuften Zauberkräften an fremde Personen und Dinge (Mana)“ bezaubernde – also beglückende, betörende und lähmende – (Ohn- )Machtgefühle.

Einzelne und ganze Gruppen lassen „sich in den Bann schlagen“ angesichts des Idealen, das als etwas Wunderbares, vielleicht auch als Schreckliches, als Tabu oder Imperativ erscheint. Diese „demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit“ sind Ausdruck der von Freud so genannten „logischen Verblendung“.

Bestimmte Personen allerdings sind befähigt, sich der phantasmatischen Supermacht zu nähern und können als Mittler wirken: Magier, Priester, Künstler, Dichter, Psychoanalytiker, … Auf je eigene Weise können sie dem übermäßig gebundenen oder allzu ungebundenen Subjekt helfen mit dem Tabu und den aus Verwerfung, Verleugnung und Verdrängung resultierenden Zwangsgedanken und Zwangshandlungen umzugehen. Magier versuchen meist eine direkte Wunschbefriedigung auf dem Weg eines Liebeszaubers(die in der Mittelmeerwelt verbreitete fattura d’amore, die ein Liebesobjekt fesseln soll), andere möchten die Verdrängung stärken oder streben Ersatzlösungen oder Sublimierungen an. In der psychoanalytischen Kur geht es um die Lockerung der Fesselung eines

Subjekts an sein Phantasma, an seinen Individualmythos. Was nicht heißt, dass die Übertragung ein magisches Band wäre, denn sie ist nichts Mystisches.

Der Ethnologe Ernesto de Martino hat – konkret bezogen auf den (mittlerweile fast völlig verschwundenen) Tarentismus, also auf den therapeutischen Mythos, von einer Tarantel gebissen worden zu sein, deren Wirken man durch ein Tanzritual ein Ende setzen könne – auf den hilfreichen Charakter dieser Symbolisierung hingewiesen, die dem Subjekt die Konstruktion einer Ursache des eigenen Leidens ermöglicht, wohingegen „unter dem zerrüttenden Druck der christlichen Symbolwelt […] der Tarentismus zur Krankheit, […] auf den Rang einer pathologischen Krise“ herabsank.

Welchen Äquivalenten begegnen wir heute in Äußerungen zu „Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz“, in Ethiken der Lebensführung bzw. Selbstsorge und auf dem Therapiemarkt?

Das Denken der Magie siedelt zwischen Wissenschaft, Dichtung und Religion; es ist eine „gigantische Variation über das Thema des Kausalitätsprinzips“, die den Determinismus unseres Denkens überhaupt in Frage stellt.

Freud geht davon aus, dass unser narzisstischer Glaube an die Allmacht der Gedanken, also an die zwangsläufige Realisierung von Gedanken, Wünschen, Absichten, sich auch dann noch erhält, wenn unser rationales Urteil ihn längst schon überwunden hat (GW XII, S. 253f); deutlich erfahrbar wird dies, wenn wir ein Vorkommnis als unheimlich empfinden.

Die Bewegung der Aufklärung hat offensichtlich keine durch und durch entzauberte Welt geschaffen. Wir sagen manchmal, etwas müsse auf den Begriff gebracht werden, als könne eine Formulierung das Ding greifbar machen, seinen Widerstand bannen und seine Wirkungen beherrschbar machen. Als ein Wunscherfüllungswerkzeug wird der Begriff dann selbst zu etwas Magischem (Max Horkheimer spricht von der „Magie des Begriffs“).

Mit Blick auf die nationalsozialistischen Machtrituale beschreiben Adorno und Horkheimer das „faschistische Formelwesen“ als eine „organisierte Nachahmung magischer Praktiken“ (Dialektik der Aufklärung).


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“

(Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld. Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325. Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 3. September 2022

Suche nach Heil – eine grundlegende Abhängigkeit

Simonetta Sanna (Berlin/Sassari)
Die Wirkung mythischer Bezugspunkte im Vorfeld des Nationalsozialismus

Zur Lektüre empfohlen:

Mayer, Hans. (2012 [1939]). Die Riten der politischen Geheimbünde im romantischen Deutschland. In Denis Hollier (Hrg.): Das Collège de Sociologie 1937-1939, (S. 521-550). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Linse, Ulrich. (1996). Geisterseher und Wunderwirker. Heilssuche im Industriezeitalter. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch.

Diskutant Claus-Dieter Rath (Berlin)

Die Sorge um das eigene Heil und das Heil-Sein ist ein Motor des Narzissmus. Wie Glück, Freiheit, Erlösung und Wohlergehen ist das Heil ein Antagonist der Not. Dieses Phantasma stachelt uns an zu Selbstprüfung und Selbstverbesserung, es veranlasst uns zu Vorsichtsmaßnahmen und es verleitet uns zur Bindung an Heilslehren und Heiler.

Heilsmangel erfährt das Kind als seelisch-körperliche Hilflosigkeit, er wird spürbar als Verfehlen des imaginären Idealichs und beim Nichterreichen des symbolischen Ichideals. „Es reicht nicht.“ Auch als kollektive Empfindung nationaler Schmach und Schande tritt er auf.

Politische Verhältnisse regulieren die Arten und Ausmaße der „gewöhnlichen“ Not des Lebens und sie definieren die Bereiche von Normalität, Pathologie, Gesundheit und Krankheit. Damit beeinflussen sie die Produktion kollektiver Symptome.

Gesellschaftliche Mächte schwören die Mitglieder eines Kollektivs auf eine Lebensführung ein, vermitteln die Ideale, denen entsprochen werden soll: wofür gelebt und gestorben werden müsse, was Größe, Glanz und Würde seien und was Elend, Schmach und Sünde. So wird der Einzelne im Dienste einer Feind-Abwehr oder für die Realisierung einer angebliche historischen Mission seines Volks eingespannt. Die Spürbarkeit solcher Schuld-Ansprüche hängt ab von den Opfern, die für die Realisierung der jeweiligen Ideale und die Abwehr realer oder suggerierter Bedrohungen zu erbringen sind (diese Dissonanzen sind eine Vorzugswährung der Medienökonomie).

Die Idee eines alles beherrschenden Reichs verleugnet die Abhängigkeit des Subjekts, aber auch die Ideologien einer Autonomie, Autarkie und Souveränität.

Ein hehrer Auftrag als auch das „von den anderen kommende“ Unheil ersparen den Individuen die Anerkennung der eigenen Kastriertheit und der Abhängigkeit vom Signifikanten, ihre Angewiesenheit auf diskursive Praktiken und auf die Gemeinschaft der Mitmenschen (Interdependenz). Wer fest genug eingebunden ist, kann sich „befreit“ fühlen von der Auseinandersetzung mit einem eigenen subjektiven Begehren.

Ruhigstellung oder Mobilisierung der Massen wird durch Handhabung ödipaler und sozialer Schuldgefühle der Subjekte erreicht. Praktiken der Macht be- und entlasten sie, nehmen ihnen Verantwortung ab. Repräsentanten der Macht jonglieren mit den Ansprüchen und Empfänglichkeiten der Bevölkerung und versprechen Bedürfnisbefriedigung (die Verkennung des Begehrens als eines zu befriedigenden Bedürfnisses stützend). Besondere Mechanismen der Überhöhung (Mission, Auserwähltheit) – Pseudosublimierungen, die den Einzelnen um seine Subjektivität betrügen – legitimieren das entfesselte Genießen tabuisierter Partialtriebe an den Objekten Brust, Kot, Stimme, Blick, die sich in verschiedenen Konstellationen darbieten (dies eventuell auch am medial dargebotenen Leib eines Mächtigen).

Die Maximen idealer Lebensführung greifen meist zurück auf nationale, regionale, religiöse Traditionen, auf Mythen und andere Texte, wobei „Tradition“, „Erbe“ und „Vermächtnis“ nicht selten Amalgame und Neuschöpfungen sind.

Der psychoanalytische Zugang zum Genießen des Unbewussten, d. h. zum Wiederholungszwang und zur Lust am Symptom, strebt nicht eine restaurative oder normierende Übernahme altehrwürdigen Wissens an, sondern eine Lockerung unserer Sprache (langage) und ein Durcharbeiten jenes Genießens. Mir scheint dies dem Freud’schen Bild von der psychoanalytischen Kur als Kulturarbeit und als einer »Trockenlegung der Zuydersee« vergleichbar (Freud 1932b, S. 86), also einem Durcharbeiten des Es, in dem ein »Teil der kulturellen Erwerbungen […] seinen Niederschlag […] zurückgelassen« hat (1940a [1938], S. 138).

In der September-Sitzung dieses Seminars geht es, bezogen auf das Vorfeld des deutschen Nationalsozialismus, um die Inhalte solcher Residuen (ein Fundus kollektiver Phantasmen und Darstellungsrepertoires) und das Wirken wundersamer Heiler und Heilande, um die herum sich Gemeinden bilden. Den ersten Aspekt, die (Re-)Aktivierung bereitliegender kollektiver Phantasmen in der Geschichte eines Volks-, Staats- oder Sprachgemeinschaft behandelt der Text des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer, vorgetragen 1939 im Pariser Collège de Sociologie, und zweiten die Studie des Historikers Ulrich Linse (1996) untersucht Begegnungen mit Geistersehern und Wunderwirkern, die ein pseudoreligiöses Heil-Phantasma jener Zeit repräsentieren. Nicht nur jener Zeit, scheint es …

Von diesen konkreten historischen Prozessen her lassen sich vielleicht Illustrationen zum psychoanalytischen Begriff der Regression gewinnen, der nicht einen Rückfall oder eine Rückentwicklung meint, sondern einen Rückgriff auf verjährte Forderungen (Lacan).


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 11. Juni 2022

Wir sind abhängig von Anerkennung –
anerkennen wir unsere Abhängigkeiten?

Claus-Dieter Rath (Berlin)
Einführung

Simonetta Sanna (Berlin/Sassari)
Anerkennung in der Literatur: Franz Kafka oder die Verteidigung der  Eigentümlichkeit.

Zur Lektüre empfohlen:
Simonetta Sanna: Franz Kafka. Roma: Istituto di Studi Germanici, 2013.
– „L’incontro con l’altro. Kafka e Felice”, in Cultura Tedesca 41/luglio–dicembre 2011,  S. 137–151.
– “Franz Kafka, estetica in nuce”, in Materiali di Estetica, N. 4.2, 2017, S. 185–193.

Claus-Dieter Rath (Berlin)
Alles ein Spiel? Diffizile Anerkennungs-Verhältnisse

Menschen anderer Muttersprache stehen oft vor der Frage, ob für reconnaitre, riconoscere, recognize das treffende deutsche Wort nun erkennen oder anerkennen lautet. Und aus der Rückübersetzung beider Begriffe ergibt sich eine Vielfalt von Worten, die den Bedeutungshorizont von Anerkennung verschwimmen lässt.
Wenn psychoanalytische Abhandlungen die Anerkennung und das Anerkennen für die Konstituierung des Subjekts und seines Begehrens hervorheben, bleibt oft ungeklärt, welcher Vorgang, welche Relation oder welcher Zustand jeweils gemeint ist.

Eine „relationale“ Strömung in der Psychoanalyse möchte eine angeblich antisoziale Freudsche Konzeption des Subjekts[1] durch ein intersubjektives Hilfsgerüst erweitern. Das versucht auch die an den Arbeiten von Axel Honneth orientierte Sozialphilosophie. Auf Jacques Lacans Beschäftigung mit dem „Kampf um Anerkennung“ oder der „Anerkennung  des Begehrens durch den Anderen“ wird dort meist nur in Randbemerkungen verwiesen.


1 Als hätte Freud etwa in der Massenpsychologie (1921) seine Position nicht erklärt: „Im Seelenleben des  Einzelnen kommt ganz regelmäßig der Andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht  und die Individualpsychologie ist daher von Anfang an auch gleichzeitig Sozialpsychologie in diesem  erweiterten aber durchaus berechtigten Sinne.“ (GW 13, S. 73)

Nicht zuletzt hat die Anerkennung im Feld der Psychoanalyse große soziale Relevanz: Wer wird wie als Psychoanalytiker anerkannt?

Mir scheint, dass ein Teil der Komplikationen um die Anerkennung (gegenüber dem Erkennen) darin besteht, dass es sich um einen Wertbegriff handelt.

Anerkennung betrifft die Legitimität eines Subjekts und seiner Identifizierungen, bezogen  auf das Ich-Ideal und das Idealich (symbolisch und imaginär). Also die Ernennung, Nominierung: infolge eines Urteilsvorgangs wird etwas zuerkannt. Mit dieser Zusprechung  einer Qualität/Eigenschaft (Approbation) erfolgt die Erhebung in einen besonderen Stand, Verleihung einer Würde, und daraus sich ergebende Berechtigungen, Autorisierungen.

Anerkennung betrifft aber auch die Legitimität eines Triebwunschs, die Gültigkeit oder Triftigkeit eines Motivs. Freud sah als ein Kernstück der psychoanalytischen Kur die neuerliche Prüfung alter Verdrängungsvorgänge und die Entscheidung darüber, wie mit  den jeweiligen Triebwünschen fortan umzugehen sei (Realisierung, erneute Verdrängung, Sublimierung). 

Im Begriff der Anerkennung sind also verschiedene Dimensionen herauszuarbeiten, denn  die Anerkennung, die man sich von jemandem erwartet oder die man jemandem zollt oder abnötigt, ist nicht dasselbe wie „die Anerkennung des Unbewußten“, die „von seiten des Ichs sich in einer negativen Formel ausdrückt“, etwa in der Äußerung „Daran habe ich nicht  (nie) gedacht“. Beide Dimensionen können sich verknüpfen im Fall der Partialobjekte, die  an der geliebten Person entdeckt werden (Beispiel Mama als die Brust der Mutter und als  die Person Mutter). 

Andreas Wildt sieht in der Anerkennung („Anerkennung der Realität“) in erster Linie den  Gegenbegriff zur Verleugnung („Verleugnung der Realität“) und er definiert sie als etwas stets Widerstrebendes, als Ausdruck einer „Ambitendenz“ im Unterschied zu schlichtem Bejahen oder Bestätigen („man muss anerkennen“). 

Die Spielarten der Anerkennung entfalten sich zwischen dem Subjekt, seinen  Nebenmenschen und dem großen Anderen, also der Instanz des Gesetzes, das die direkte  Triebbefriedigung einschränkt. Die narzisstischen Vollkommenheits- und Allmachtgefühle  widersetzen sich der Anerkennung des Kastriertseins. 

Der Anerkennungsvorgang hängt davon ab, wie das Subjekt den großen Anderen und als  was es sich selbst in Bezug auf diesen definiert. Wer kann mich anerkennen? Wen anerkenne ich als eine Instanz, die mich anerkennen kann. In welcher  Eigenschaft und bezogen auf welches Begehren des Anderen? Was an mir soll anerkannt  werden? „Als was werde ich anerkannt? Als was anerkenne ich mich?“ gehört zu dem „Das  bist du!“ in Lacans Theorie des Spiegelstadiums.

Natürlich sind dabei auch kollektive Phantasmen beteiligt.
Anerkennung suchen wir mit dem (an eine Person gerichteten) Liebesappell wie im Ringen  um Wertschätzung durch unser (unpersönliches) Über-Ich.  

Hypothese: Im Akt des Sprechens vollzieht sich ein permanentes, oft dramatisches Spiel  der Anerkennung – bezogen auf das Gegenüber, einen selbst und die Sprache als  kulturelle Instanz.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Themenheft „Anerkennung“ von RISS. Zeitschrift für Psychoanalyse Heft 66 (2007;  2). Artikel von
    • Andreas Cremonini: Die Anerkennung des anderen. Ein neues Paradigma der  Psychoanalyse? (S. 7-16)
    • Joel Whitebook: Erste und zweite Natur bei Hegel und in der Psychoanalyse (S. 17-30)
    • Inara Luisa Marin: Anerkennung bei Lacan (S. 31-56)
  • Axel Honneth (2010): Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie. Frankfurt  a.M.: Suhrkamp
  • Axel Honneth, mit Jacques Rancière: Anerkennung oder Unvernehmen? Eine  Debatte. Suhrkamp: Berlin 2021
  • Axel Honneth und Inara Luisa Marin (Interview 2009): European Journal of  Psychoanalysis (2015). https://www.journal-psychoanalysis.eu/interview-with-axel honneth/
  • Joel Whitebook: Winnicott fehlgedeutet. Axel Honneths Gebrauch der  Psychoanalyse. In: PSYCHE. Februar 2022, 76. Jahrgang, Heft 2, S. 97-138.
  • Andreas Wildt: „Anerkennung in der Psychoanalyse“. In: Deutsche Zeitschrift für  Philosophie, 53. Jg. (2005), 461-478 (Digitale Version wird verkauft unter  https://doi.org/10.1524/dzph.2005.53.3.461).

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses  Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und  Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von  den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden,  zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von  Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von  logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise  im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es). 

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des  Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer  Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von  einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache,  Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen. 

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz  und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich  kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer  Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16.  Jahrhunderts beschrieben hat. 

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet:  Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt  dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument  bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus. 

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und  des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld. Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer  menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und  Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 7. Mai 2022

(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Are you experienced?
Unsere Abhängigkeit von der Erfahrung und ihren Wechselfällen, wie Walter Benjamin sie erschließt.
Claus-D. Rath (Berlin)

Diesmal befragen wir Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz vom Begriff der Erfahrung her. Seine Mehrwertigkeit lässt Walter Benjamin in zwei Texten besonders zu Tage treten: „Erfahrung“ (1913, der Titel steht in Anführungszeichen) und Erfahrung und Armut (1933) [vgl. Auszüge hier unten].

Zum einen denunziert Benjamin das autoritäre Erfahrenheits-Gehabe derjenigen, die glauben, nichts mehr erfahren zu können/zu müssen, weil sie schon erfahren „sind“. Sie berufen sich auf einen kitschigen, klischee- und vorurteilsbeladenen Erfahrungsschatz; eine resignative Abwehr gegen das, was die Jugend erfahren kann.

Zum anderen diagnostiziert Benjamin einen zivilisationsbedingten Zerfall von übermittelbarer, erzählbarer Menschheitserfahrung, eine neuartige Erfahrungsarmut.

Zugleich begrüßt er eine ›arme‹, nicht überladene Erfahrung, Erfahrung von Neuem, die sich über die aktuelle Neuigkeit erhebt und Geschichtliches, Gesellschaftliches und Subjektives verbindet – jenseits übernommener Spruchweisheiten und diesseits des Traumas und pein- oder lustvoller Reizschocks.

Diese Sicht erinnert an das von uns geschätzte Moment der Überraschung bzw. des Überraschtseins in einer psychoanalytischen Kur – anlässlich einer eigenen Äußerung, in der etwas Weiterführendes aufscheint, dank dessen ein durcharbeitendes Aneignen in Gang kommen kann.

Wir sind – und wir machen uns – von Erfahrung unterschiedlicher Ordnung abhängig oder unabhängig.

Eine ethische Dimension der Erfahrung unterscheidet sich von der Summe des uns Zugestoßenen oder von empirischem bzw. experimentellem Tatsachenwissen. Für Benjamin entspricht die Lebenserfahrung nicht dem naturwissenschaftlichen Modell von „im Lauf der Zeiten festgestellten Kausalverknüpfungen“, sondern verdankt sich der Wahrnehmung gelebter Ähnlichkeit(en).

Ähnlichkeitsrelationen sind in der Freud’schen Psychoanalyse (seit dem Entwurf einer Psychologie und der Traumdeutung) ein Dreh- und Angelpunkt der Logik des Unbewussten.

Aus diesen Zusammenhängen ergeben sich Fragen nach dem Schicksal alter und neuerer psychischer Bahnungen, nach vorgängiger oder nachträglicher Sexualisierung von Eindrücken und Vorstellungen, nach den Wirkungen der herrschenden Zensur, nach dem Phantasma und nach dem Wiederholungszwang.

Expérience analytique umfasst also auch die Analyse der Erfahrung.

„Unseren Kampf um Verantwortlichkeit kämpfen wir mit einem Maskierten. Die Maske des Erwachsenen heißt »Erfahrung«. Sie ist ausdruckslos, undurchdringlich, die immer gleiche. Alles hat dieser Erwachsene schon erlebt: Jugend, Ideale, Hoffnungen, das Weib. Es war alles Illusion. – Oft sind wir eingeschüchtert oder verbittert. Vielleicht hat er recht. Was sollen wir ihm erwidern? Wir erfuhren noch nichts.

Aber wir wollen versuchen, die Maske zu heben. Was hat dieser Erwachsene erfahren? Was will er uns beweisen? Vor allem eins: auch er ist jung gewesen, auch er hat gewollt, was wir wollten, auch er hat seinen Eltern nicht geglaubt, aber auch ihn hat das Leben gelehrt, daß sie recht hatten. Dazu lächelt er überlegen: so wird es uns auch gehen – im voraus entwertet er die Jahre, die wir leben, macht sie zur Zeit der süßen Jugendeseleien, zum kindlichen Rausch vor der langen Nüchternheit des ernsten Lebens.“ (Benjamin 1913, Gesammelte Schriften II, 1, S. 54)

„Man wußte auch genau, was Erfahrung war: immer hatten die älteren Leute sie an die jüngeren gegeben. In Kürze, mit der Autorität des Alters, in Sprichwörtern; weitschweifig mit seiner Redseligkeit, in Geschichten; manchmal als Erzählung aus fremden Ländern, am Kamin, vor Söhnen und Enkeln. – Wo ist das alles hin? Wer trifft noch auf Leute, die rechtschaffen etwas erzählen können? […]

Nein, soviel ist klar: die Erfahrung ist im Kurse gefallen und das in einer Generation, die 1914-1918 eine der ungeheuersten Erfahrungen der Weltgeschichte gemacht hat. […] die Leute kamen verstummt aus dem Felde? Nicht reicher, ärmer an mitteilbarer Erfahrung.

[…] Eine ganz neue Armseligkeit ist mit dieser ungeheuren Entfaltung der Technik über die Menschen gekommen. Und von dieser Armseligkeit ist der beklemmende Ideenreichtum, der mit der Wiederbelebung von Astrologie und Yogaweisheit, Christian Science und Chiromantie, Vegetarianismus und Gnosis, Scholastik und Spiritismus unter – oder vielmehr über – die Leute kam, die Kehrseite. Denn nicht echte Wiederbelebung findet hier statt, sondern eine Galvanisierung. […] unsere Erfahrungsarmut ist nur ein Teil der großen Armut, die wieder ein Gesicht – von solcher Schärfe und Genauigkeit wie das der Bettler im Mittelalter – bekommen hat. Denn was ist das ganze Bildungsgut wert, wenn uns nicht eben Erfahrung mit ihm verbindet? […] Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht nur an privaten sondern an Menschheitserfahrungen überhaupt. Und damit eine Art von neuem Barbarentum. / Barbarentum? In der Tat. Wir sagen es, um einen neuen, positiven Begriff des Barbarentums einzuführen. Denn wohin bringt die Armut an Erfahrung den Barbaren? Sie bringt ihn dahin, von vorn zu beginnen; von Neuem anzufangen; mit Wenigem auszukommen; aus Wenigem heraus zu konstruieren und dabei weder rechts noch links zu blicken.“

(Benjamin 1933, Gesammelte Schriften II, 1, S. 214f.)

Zur Lektüre empfohlen:

  • Walter Benjamin: „Erfahrung“ (1913). Gesammelte Schriften (Frankfurt a.M.: Suhrkamp) II, 1, S. 54-56.
  • Walter Benjamin: Erfahrung und Armut (1933). Gesammelte Schriften (Frankfurt a.M.: Suhrkamp) II, 1, S. 213-219
    Letzteres auch im Internet: https://www.textlog.de/benjamin-erfahrung-armut.html

Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).

Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.

Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.

Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.

Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.

Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

  • Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
  • Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
  • Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 2. April 2022

(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Das Thema ›Abhängigkeiten‹ erfordert vom Psychoanalytiker soziales Vorstellungsvermögen.
Was erbringt die Kritische Theorie der Frankfurter Schule für die Psychoanalyse? Die ›logische Verblendung‹ als Quelle der Autorität. Fragen der Befreiung des Subjekts.
Claus-D. Rath (Berlin)

Die »Not des Lebens« (oder auch Lebensnot, Ananke) umfasst bei Freud äußere und innere Arbeitsanforderungen an den psychischen Apparat. Zur Lebensnot tragen das Reale, der konstante Drang des Triebs, das Drängen des Buchstabens ebenso bei wie das Joch der Zivilisation und der Aufwand, den Gesellschaften ihren einzelnen Mitgliedern zumuten, einschließlich sogenannter Sachzwänge.

Die Differenz zwischen Lustprinzip und einer historisch bestimmten Form des Realitätsprinzips wird zum zentralen Angriffspunkt für Herbert Marcuse, wenn er nach den Gründen fragt, aus denen überhaupt Triebverzicht stattfinden müsse. Er sieht dem Realitätsprinzip die Logik der jeweiligen Gesellschaft und deren Herrschaftsmechanismen eingeschrieben. Eine ihrer historischen Formen nennt er das Leistungsprinzip. Er sieht darin eine zusätzliche, über das Notwendige hinausgehende, künstlich erzeugte Lebensnot bzw. Unterdrückung.

Zur Lektüre empfohlen: 

Claus-Dieter Rath (2001): Begehren und Aufbegehren. Eine Skizze zum Verhältnis von Kritischer Theorie, Psychoanalyse und Studentenbewegung. In: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse. 14. Jg. Heft 28, Tübingen, S. 50 – 99.

Teilnehmer können auf Wunsch eine pdf-Kopie dieses Textes erhalten


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).
Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.
Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.
Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.
Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.
Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 19. März 2022

(In den folgenden Monaten wird das Seminar je nach Stand der Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der Covid-Pandemie auch in der Psychoanalytischen Bibliothek Berlin (PsyBi) stattfinden, als Hybrid-Veranstaltung, d.h. mit Einbezug der auswärtigen Teilnehmer via Online-Konferenz.)

Martine Gardeux (Berlin) und Gabrielle Gimpel (Toulouse) setzen sich mit den Thesen des französischen Psychoanalytikers Roland Gori in seinem soeben erschienenen Buch La fabrique de nos servitudes1 auseinander.

„Zur Fiktion des perfekten Menschenverkehrs gehören drei Apps: Apparate (Verwaltung), Apparaturen (Geräte und Gerätchen), applications (Programme). Unsichtbarer Bezugspunkt ist eine vierte, die Freud’sche App: der psychische Apparat, dessen Funktion das Seelenleben ist.“2 Wie transformiert die digitale Kommunikation unsere Fragen nach Abhängigkeiten, Unabhängigkeit und Interdependenz?
Freud zitiert 1908 in Die ›kulturelleSexualmoral und die moderne Nervosität den Neurologen Wilhelm Erb, der 15 Jahre zuvor beobachtet hatte: „… durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze des Telegrafen und Telefons haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert.“
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen wir uns durch digitale Netze evaluiert, klassifiziert, kategorisiert – bis hin zur Dauerüberwachung der Bürger in manchen Ländern. Zugleich: radikale Demokratisierung der Information, Illusion eines Kommunizierens, das Unsagbares endlich artikulierbar mache.

„Die permanente Mobilisierung unserer Partialtriebe putscht uns auf und reizt dabei sämtliche Partialtriebe: Überblicken, Nachschauen, Prüfen, Einverleiben, Erfassen, Exklusion, Ortung, Verfolgung usw. Eilmeldungen, Push-Mitteilungen, Tweets halten uns in ständiger Erregung. Und das Aufregendste daran wird wiederum – affirmativ oder empört – in den herkömmlichen Medien berichtet.
Wir kontrollieren ständig, werden zur Kontrolle angehalten und sind unter Kontrolle. Man wird lokalisiert und muss sich identifizieren: sich einen Usernamen zulegen, sein Passwort eingeben, sich legitimieren, und man muss die Codes und Logos der Apparate und Instruktionen lesen können. Seit Jahrzehnten sind wir in einem Prozess der Semiotisierung begriffen, zu deren Subjekten wir uns dank des benutzerfreundlichen intuitiven Lernens machen.
Wir suchen bei denselben uns aufstachelnden Apparaten und Programmen wiederum Zuflucht, Rat und Erregungsabfuhr. Dies begünstigt die Verkürzung von Kritik- und Urteilsprozessen auf hoch besetzte Akte der Zustimmung und Ablehnung bzw. der Ausschließung oder des Austritts.“ 3

Martine Gardeux zu Gori

Wie der chinesische Kaiser in Andersens Märchen, der eine Zeit lang den Vogelautomaten der lebendigen Nachtigall vorzog, scheint es, dass wir die Algorithmen, die Zahlen und den künstlichen Austausch der Digitaltechnik der Welt des Lebendigen vorziehen. Der hier angestrebte Vorteil wäre die Illusion, uns der Angst vor dem Unerwarteten, der bösen Überraschung zu entledigen.
Roland Gori untersucht alle Bereiche, in denen die moderne Technokratie, die sich auf die Digitaltechnik und ihre Scharen von Algorithmen stützt, in unser Leben und in alle Berufsfelder eindringt. Er erinnert uns an die Bedeutung des Begriffs „Proletarisierung“, wie Lacan ihn verwendet hat: jemand, der seines Wissens beraubt wird. Und wenn die Melancholie nach Roland Gori manchmal eine Alternative darstellt, kann sie uns auch lähmen. In unseren digitalen Netzwerken ist es die Lust am Denken, die wir aufgeben, während unsere Blicke in azurblauen Bildschirmen herumirren. Der Wissenshunger versinkt in der praktisch-formalen Funktionsweise, die durch die Digitalisierung und das neurokognitive Wissen verbreitet wird.
Diese Vorliebe des chinesischen Kaisers konfrontiert uns mit einer menschlichen Tendenz, sich freiwillig für das Künstliche statt für das Lebendige zu entscheiden. Die gleiche Idee kommt in dem von Roland Gori gewählten Titel Die Fabrik unserer Knechtschaften zum Ausdruck, zumal sich dieser Titel auf den Text von La Boétie, Abhandlung über freiwillige Knechtschaft, stützt. Besser als der Titel eines früheren Buches von Roland Gori, Die Fabrik der Hochstapler, stellt sich hier eine direkte Verbindung zu dem her, was Gegenstand der Psychoanalyse ist: welchen Anteil die Subjektivität jedes Einzelnen an dem hat, was uns entfremdet?
Über den Umweg der Geschichte eines sogenannten wilden Kindes aus dem Aveyron (Anfang 19. Jh.), vermittelt uns Roland Gori eine sehr interessante Reflexion über die Sprache, über das Sprechen und darüber, wie die Neurowissenschaft und die Neuropädagogik an das Erbe der Aufklärung, das Erbe einer instrumentellen Rationalität, anknüpfen. Die poetische Funktion der Sprache, das Kreative im Sprechakt werden von den Neurowissenschaften ignoriert oder sogar verleugnet. Doch angesichts dieser symbolischen Verarmung appelliert Roland Gori an zahlreiche Autoren und erinnert an ihre Erfindungen, ihre Einfälle (trouvailles). Er zitiert Künstler, die nicht unbedingt im Trend sind, wie z. B. Joseph Beuys, Bertolt Brecht, Édouard Glissant. Von letzterem entlehnt er das Konzept der Formularleere (le vide formulaire) und spricht auch über seinen Begriff des Lebendigen (la pensée du vivant), das mir manchmal mehr als eine Affinität zum Begriff des Subjekts in Lacans Arbeit zu haben scheint. All diese Zitate sind weit davon entfernt, überwältigend zu sein, sondern sind in eine Bewegung eingebettet, die das Begehren nach einer anderen Welt als einer entzauberten wiederbelebt.

Gabrielle Gimpel zu Gori

Von Roland Gori’s Buch La fabrique de nos servitudes (Wie unsere Unterworfenheit fabriziert wird) habe ich vor allem die Anfangskapitel anregend gefunden: er beschreibt die Verallgemeinerung der Informatik, die Generalisierung der Normen im Gesundheitssystem und damit den Ausschluss des klinischen Falles, ob er kompliziert ist oder nicht, die Digitalisierung der Verwaltung und der Finanzierung des Gesundheitssystems in Frankreich (davon kann auch ich ein Lied singen).
Die Logik, vor der Gori uns warnt, ist der Ausschluss des Lebendigen, des Unregelmäßigen, des nicht Vorhersehbaren, der Überraschung, des Realen durch die Technik. Wir kennen diese Warnung schon aus der Philosophiegeschichte: die Realisten, die Positivisten wurden angeklagt, die Gedanken- und Gefühlswelt als «zu subjektiv» abzutun. Der gleiche Vorwurf wird heute an die Psychoanalyse gerichtet : «zu subjektiv»!
Die Digitalisierung und Technik haben aber nicht Antwort auf alles. Der große Andere antwortet nicht S(A)barré. Was der Bitte/Forderung (demande) und dem Begehren (désir) einen neuen Schwung geben kann.
Vor allem eine Warnung an die Psychoanalytiker: haltet nicht an dem Gelernten, Gelesenen fest, sondern hört Euren Analysanten so offen wie möglich zu, bleibt empfindsam für alles Unerhörte, Unerwartete, Überraschende, auch wenn es nicht sofort in die Theorie passt.


Von psychoanalytischen und politischen Erfahrungen ausgehend erkunden die Teilnehmer dieses Seminars Erscheinungen, Strukturen und Vorstellungen der Abhängigkeit, Unabhängigkeit und Interdependenz.

Abhängig sind wir von anderen Personen, von gesellschaftlichen Verhältnissen und Institutionen, von den Naturgewalten und deren Zähmung, von Arbeit (und Kulturarbeit), von nährenden, heilenden, zerstörenden Substanzen, vom Trieb und dessen Transformationsmöglichkeiten oder von Zwangshandlungen, die den Trieb und die Angst in Schach halten sollen. Und überhaupt von logischen Voraussetzungen. Freud untersuchte Bauweise und Funktionen der Psyche beispielsweise im Hinblick auf die „Abhängigkeiten des Ichs“ (Kap. 5 von Das Ich und das Es).
Diese Dimensionen betreffen uns auf verschiedene Weisen: als biologische Abhängigkeit des Menschen-Babys, die Abhängigkeit von Liebe, als Anerkennung unseres Begehrens und unserer Präsenz in einer Gemeinschaft, die uns als ihr Mit-Glied anerkennt. Generell die Abhängigkeit von einer symbolischen Ordnung als symbolischer Stütze: anti-inzestuöse Grenzsetzungen, Sprache, Kulturordnung, Väterliche Metapher, Wissen.
Dabei differieren das objektiv Feststellbare und subjektive Überzeugungen, also Illusionen, Ignoranz und Verkennung von Abhängigkeit und Unabhängigkeit: „Ich kann mir das … (nicht) erlauben“, „Ich kann jederzeit aufhören“, „Ich bin mein eigener Herr“, bis hin zu den Äußerungen masochistischer Komponenten des Sexualtriebs in der „gläubigen Gefügigkeit“ (Freud), dem „lustvollen Gehorchen“ (Ferenczi) und der „Freiwilligen Knechtschaft“, die Etienne de la Boétie schon Mitte des 16. Jahrhunderts beschrieben hat.
Die psychoanalytische Kur hat mit einem Paradox zu kämpfen, denn eines ihrer Ziele lautet: Verantwortung übernehmen können für die eigenen Akte und Wahlentscheidungen – doch kommt dieser Emanzipationsprozess, dessen Dynamik von der Übertragung als Motor und Instrument bestimmt wird, nicht ohne neuerliche, massive Abhängigkeit aus.
Jede Konzeption des Ichs (in seiner behaupteten Autonomie und in seiner Abhängigkeit) und des Subjekts (als unterworfenem und als souveränem) siedelt in diesem Spannungsfeld.
Eine funktionierende Interdependenz ist die innere Voraussetzung des Freud’schen Ideals einer menschlichen Arbeitsgemeinschaft, die auf Liebesbindungen, Identifizierungen und Triebeinschränkungen gründet (vgl. Freuds Begriff der ‚Kulturarbeit‘).

Literaturhinweise:

1 Édition Les Liens qui Libèrent, 2022. Auch als e-book erhältlich.
2 C.-D. Rath: Sublimierung und Gewalt, Elemente einer Psychoanalyse der aktuellen Gesellschaft, Psychosozial Verlag 2019, Kap. „Das Volk als virtueller Körper – Populismus, Paranoia und digitale Kommunikation“, S. 169ff.
3 Rath, ebda.
Sigmund Freud (1921c). Massenpsychologie und Ich-Analyse. In GW 13, S. 71-161; StA 9, S. 65-134.
Sigmund Freud (1923b). Das Ich und das Es. In GW 13, S. 237-289; StA 3, S. 282-325.
Étienne de La Boétie: Von der freiwilligen Knechtschaft (zweisprachig). Übers. u. hg. v. Horst Günther. EVA, Frankfurt/M. 1980 (im Anhang: „Quellen, Umkreis, Wirkung“) (u.a. Ausgaben; die Übersetzung von G. Landauer, 1910, ist als kindle e-book gratis erhältlich).

Samstag, 12. Februar 2022

Samstag, 8. Januar 2022

Leitung

Claus-Dieter Rath
Seminar-RathCD@t-online.de

Wann

Ein Samstag im Monat
17.15 – 19:00

Voraussichtliche Termine

(immer 17-19h) im zweiten Halbjahr 2023:

Hinweis: 1.-3. Dezember: Kongress der FLG in Berlin (und online):

»Gehöre ich dazu?« Gesellschaftliche und familiäre Bindungen heute.

Termine (immer 17-19h) im ersten Halbjahr 2024:

Neues Thema 2024: Sprachen der Gewalt und Praxis der Psychoanalyse

13. Januar: Einführung in den neuen Themenschwerpunkt
10. Februar
16. März
13. April
4. Mai
1. Juni

Wo

Geisbergstraße 29
und online via ZOOM

Anmerkung

Ich bitte um Mitteilung, ob Sie in der PsyBi oder via ZOOM teilnehmen möchten. Für letzteres erhalten Sie wenige Tage vorher einen Teilnahmecode.

Die Veranstaltung beginnt 17.15h. Per Zoom können sich schon ab 17.00h einklinken.